Seit 2020 veröffentlichen wir unsere Rohkaffeepreise auf der Webseite. Zahlen allein erzählen aber wenig. Deshalb legen wir sie in unserem ersten Transparenzbericht 25/26 zum ersten Mal mit dem Kontext zusammen, der dahintersteckt: wie wir einkaufen, was die Preise an der Börse mit unseren Partnern machen und welche Geschichten hinter drei unserer Kaffees stehen.
Dieser Beitrag gibt den kompletten Transparenzbericht 25/26 wieder. Wer die gestaltete Fassung mit allen Bildern lieber am Stück lesen möchte, findet sie hier zum Download: Transparenzbericht 2025/26 (PDF).
Kontext, nicht nur Zahlen
Wir sind ein durchlässiges Unternehmen und kommunizieren viel über unsere verschiedenen Kanäle. Den Kontext zu unseren Preisen haben wir bisher getrennt von den Zahlen geliefert – auf der Webseite, auf YouTube und auf Social Media. Wir haben berichtet, was wir tun, aber auch, was wir nicht tun. Jetzt führen wir den Kontext zum ersten Mal mit den Zahlen zusammen.
In gut acht Jahren als Rösterei, mit einem breiten Sortiment und direkten Beziehungen zu Kaffeeproduzenten, haben wir viel gelernt – und lernen weiter. Durch die eigenen Erfahrungen, eine Kaffee-Farm zu führen, durch Kaffeereisen und unzählige Gespräche mit Produzierenden, Röstern und Händlern nehmen Zahlen Form an. Ohne Kontext sagen sie wenig, und das ist bei einer puren Betrachtung des FOB-Preises immer ein Defizit. Hinter jeder Zahl stecken Geschichten. Drei davon erzählen wir hier: die von Farmers Coffee (Brasilien), die von Yulma Argueta (Guatemala) und die von BridAzul (Nicaragua).
Coffee is a people's business
Als mir ein Kaffeeproduzent 2013 in Kenia sagte «Coffee is a people's business», glaubte ich ihm das schon. Ich hätte mir aber nie vorstellen können, dass ich heute, obwohl ich mit Kaffee arbeite, viel mehr mit Menschen zu tun habe als mit dem Kaffee selbst.
Seit 2017 rösten wir kommerziell. Damals haben wir uns in den Keller eines Wohnhauses eine Rösterei gebaut, von befreundeten Händlern Kaffee gekauft und einfach mal begonnen. Unser Sortiment war überschaubar, und doch hatten wir den Anspruch, alles über die eingekauften Kaffees wissen zu wollen. Wir suchten den Kontakt zu Importeuren, die uns mehr über die Hintergründe erzählen konnten. Wir wollten verstehen, wie hoch der FOB-Preis ist, und vor allem, was er bedeutet – und was nicht.
Als junges Unternehmen – seit Januar 2017 als eigenständige GmbH – mussten wir uns eine Strategie zurechtlegen: gleichzeitig ökonomisch langfristig erfolgreich und nah bei den Produzenten sein und korrekte Preise für Rohkaffee bezahlen. Denn guter Kaffee ist die Folge von guten Beziehungen. Für die Mehrheit unserer Kaffees stand am Anfang eine Begegnung mit einer Produzentin. Aus der Begegnung entwickelten sich Gespräche, und wenn es klick machte, folgten Rohkaffeemuster. Mochten wir diese, folgte ein erster Import. Und aus einem ersten Import folgen gemeinsame Projekte – immer so, wie es für beide Seiten passt.
Dieser Bericht ist ein Zeugnis seiner Zeit. Wenn wir ihn in einem Jahr wieder veröffentlichen, hoffe ich, dass viele der aufgeführten Namen wieder auftauchen. Wir widmen einen substanziellen Anteil unserer Zeit der Beziehungspflege. Eigentlich arbeiten wir mit Kaffee, aber noch viel mehr sind wir im people's business.
— Philipp Schallberger, im Namen des Sourcing- und Röstereiteams. Basel, Juni 2026.
Langfristig denken in kurzfristigen Zeiten
Die letzten fünf Jahre waren in Sachen Rohkaffee extrem erlebnisreich. Die Pandemie, die Lieferengpässe, die Kaffeebörse auf dem Allzeithoch und die wachsenden Herausforderungen für Kaffeefarmen durch den Klimawandel haben alle Beteiligten der Kaffeekette gefordert, höchst agil zu bleiben.

Foto: Tatiana Gomez
In der Sierra de Zongolica in Mexiko arbeiten wir seit 2021 mit Ensambles am Toca-Projekt. Die junge Kooperative Citlal Kaffen lagert ihren Kaffee im Pergamino in einem alten Beneficio, das 2013 geschlossen wurde. Jetzt haben sie es wieder in Betrieb genommen. Dieses Beneficio war früher schon einmal eine Hühnerfarm – und auch eine Kirche für die umliegenden Communities.
Wie wir über unsere Rolle als Rösterei denken
Täglich tauschen wir uns mit unseren Produktionspartnern aus. Sie sind weit weg, ermöglichen aber überhaupt erst, dass wir alle Kaffee trinken können. Mit ihnen lernen wir, was es heute braucht, damit wir auch morgen noch Kaffee trinken können. Drei Formate zeigen, wie wir über unsere Arbeit denken:
From Source to Sip – der Röstfilm
In unserem Röstfilm nehmen wir euch mit auf eine Reise vom Kaffee-Ursprung bis zu unserer Rösterei in Basel. Wir zeigen, was alles hinter einer Tasse Kaffee steckt, und fangen dort an, wo der Kaffee herkommt. Denn ohne Kaffeeproduzenten gibt es keine Kaffeeröstereien. Ein Film von Larissa Bürgi über die Menschen und die Geschichte hinter dem Kaffee.
Unsere 10 Kaffee-Gebote
Pointiert und ambitioniert: In unseren 10 Kaffee-Geboten findet ihr zehn markige Aussagen, die unsere Arbeit als Kaffeerösterei zusammenfassen.
APAS und die Brasilien-Kaffeereise 2026
Der APAS-Film ist eine Hommage an die APAS-Kooperative und an die Beziehung, die wir seit mehreren Jahren aufbauen. Auf der Brasilien-Kaffeereise 2026 sind Benjamin, Philipp, Gabi und Larissa 1500 km durch Minas Gerais und Espírito Santo gefahren: zu Bioproduzentin Marcia, zum Kooperativen-Exportlabor Copervass, zur APAS-Kooperative und zu Farmers Coffee. Was dabei herauskommt, ist ein anderes Bild von Brasilien als das, das meistens im Kopf bleibt – und Gespräche über Partnerschaft, die man nicht per WhatsApp führen kann.

Zu Besuch bei der Familie Brioschi in Pedra Azul, Espírito Santo.
Was wir 2025/2026 eingekauft haben
Das Kaffee-Erntejahr unterscheidet sich vom Kalenderjahr, weil die Ernten je nach Weltregion zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden. Wir haben uns Juni bis Mai als Berichtsperiode vorgenommen, weil wir auch viele Verträge im ersten Halbjahr machen.
Die vollständigen Einkaufsdaten sind in der PDF ersichtlich
| Kennzahl | Wert 2025/26 |
|---|---|
| Anteil Partnerschaften 3+ Jahre | 37 % |
| Ø SCA-Qualitätsscore | 85,8 |
| Ursprungsreisen 2025/26 | Äthiopien, Brasilien, Mexiko, Indien |
| Anzahl Produzierende / Kooperativen | 43 |
| Herkunftsländer | 16 |
| Kontraktierter Rohkaffee | 129.110 kg |
| Ø FOB-Preis (USD/lb), ungewichtet | 5,76 USD |
| Ø FOB-Preis (USD/lb), gewichtet | 4,81 USD |
| Ø Beziehungsdauer | 4,52 Jahre* |
* Kaffees der Abenteuer-Linie zählen wir hier explizit nicht mit. Diese Kaffees sind oft Einmalkäufe und zielen vor allem auf exzellente Qualität in der Tasse ab.

In der bergigen Region um Villa Rica produziert César Marin mit seiner Familie Spezialitätenkaffee auf einer Farm, die ohne äußere Inputs funktioniert. Alle Dünger und Pflanzenschutzmittel stellen sie in Eigenproduktion nach regenerativen Praktiken her. Damit sind sie immun gegenüber Schwankungen am Düngermarkt. Nicht immun – und das ist keine Farm – sind Produzenten gegenüber den Kaffeepreisschwankungen. Auch wenn wir immer wieder das Thema Fixpreise ins Spiel bringen, haben wir noch keinen solchen etablieren können. Ein Fixpreis könnte helfen, die Schwankungen auszugleichen.
Die Rohkaffeepreise von 2025 bis 2026
Anfang Januar 2025 lag der C-Preis – der globale Futures-Referenzpreis für Arabica an der New Yorker ICE-Börse – bei rund 330 US-Cent pro Pfund Rohkaffee. Am 12. Februar 2025 erreichte Arabica sein absolutes Allzeithoch: über 442 Cent pro Pfund, mehr als das Fünffache des langjährigen historischen Durchschnitts. Das vorherige Rekordhoch stammte aus dem Jahr 1977.
| Zeitpunkt | C-Preis (US-Cent/lb) | Einordnung |
|---|---|---|
| Anfang Januar 2025 | ~ 330 | bereits deutlich erhöht |
| 12. Februar 2025 | > 442 | absolutes Allzeithoch |
| Anfang Juni 2026 | ~ 250 | fast halbiert gegenüber dem Hoch |
Drei Ursachen standen hinter dem historischen Preisanstieg
Im Sommer 2025 stagnierte der Preis zuerst und fiel dann langsam. Die US-Zölle sorgten für Verunsicherung auf allen Seiten. Das führte zu kurzfristigen, starken Schwankungen – und vor allem dazu, dass Produzenten abwarteten, überhaupt Kaffee zu verkaufen. Langsam zog sich das Spekulationskapital zurück, und die Preise fielen im Herbst 2025.
Den Wendepunkt brachte das Frühjahr 2026. Brasiliens Ernte 2026/27 entwickelt sich wahrscheinlich zur größten je gemessenen Ernte, mit prognostizierten 66,7 Millionen Säcken – 18 Prozent mehr als 2025. Die Börsen reagieren schnell auf Neuigkeiten, und so schlugen die positiven Meldungen aus Brasilien sofort auf den Preis durch: Anfang Juni 2026 sank der C-Preis auf gut 250 US-Cent, fast eine Halbierung gegenüber dem Hoch vor 15 Monaten.

Auf geht's in der Sierra de Zongolica, Mexiko
Was bedeuten diese Schwankungen für uns?
Wir gehen in einer Gesamtbewegung mit den Preisen mit, nach oben und unten – zumindest bei den Produzenten, die den C-Preis als Referenz nehmen. Auf den C-Preis kommt dann ein Differenzial, eine individuell gestaltete Prämie. Andere Produzenten geben uns den Preis vor, wieder andere fragen uns, was wir zu zahlen bereit sind. Es ist ein Mix von Herangehensweisen.
Alle Produzenten kennen die Bewegungen an der New Yorker Börse sehr genau, denn diese beeinflussen den jeweiligen nationalen Kaffeepreis. Was in New York passiert, wirkt auf den nationalen Preis in Mexiko, von dem aus wiederum die regionalen Preise in Chiapas, Veracruz oder Puebla festgemacht werden. Preise entstehen so aus regionalen Preisen, vermengt mit Qualitätsprämien, Ökosystemleistungen und einem gefühlten Aufschlag. Ein Preisabschlag für uns liegt dort, wo wir langfristig eingekauft haben.
Was bedeuten diese Schwankungen für Produzenten?
Der C-Preis pendelte in den letzten 18 Monaten zwischen 270 und 440 US-Cent pro Pfund. Für Produzenten heißt das: Verkaufen oder warten? Wer zu früh fixiert, lässt Geld liegen; wer zu lange wartet, riskiert den Absturz. Auch Produzenten haben realisiert, wie Spekulation läuft, und können mit dem Zurückhalten ihres Kaffees die Preise mitbeeinflussen.
Vor allem brasilianische Farmer sind Anfang Juni 2026 zurückhaltend im Verkauf, obwohl die Ernte läuft. Denn jede Investitionsentscheidung – neue Pflanzen, Dünger, Arbeitskräfte – braucht Planungssicherheit, die es momentan einfach nicht gibt. Der Irankrieg und die Inflation verursachen Mehrkosten für Dünger und Logistik, sodass Entscheide auch bei unseren Partnern zaghaft getroffen werden.
Kaffeeproduzenten haben sich an Schwankungen gewöhnt, weil die große Mehrheit ihre Preise stärker oder weniger stark an die Börse koppelt. Dieses jüngste Ausmaß an Schwankungen hat aber zu sehr viel Unsicherheit geführt. So haben Produzenten in Brasilien, Mexiko, Indien und Indonesien mehr Kaffee an den inländischen Markt verkauft als exportiert. Der lokale Verkauf generiert schnelles Bargeld, während Export und Bezahlung mehrere Wochen dauern.
Drei Geschichten hinter den Zahlen
Farmers Coffee und der Compadre (Brasilien)
2023 hat Philipp auf Empfehlung von algrano Farmers Coffee in Venda Nova do Imigrante besucht. «Die hätten Drive», hieß es. Farmers Coffee heißt so, weil die vier Gründer alle Söhne von Kaffeeproduzenten sind. Beim ersten Besuch hatten sie gerade begonnen, Kaffees von Produzenten aus Espírito Santo einzukaufen und zu vermarkten. Ihre Ausbildung an der renommierten IFES-Uni, ihre Offenheit und ihr jugendlicher Drive halfen ihnen, schnell zu wachsen.

Die Familie Romão steuert den Arabica-Anteil im Compadre bei.
2024 besuchten sie uns in der Schweiz, und wir diskutierten, wie wir zusammenarbeiten könnten. So entstand die Idee des Compadre Espresso. Weil sie von Arabica- und Conilon-Robusta-Produzenten einkaufen und exportieren, konnten sie den Blend nach unserer Idee zusammenstellen: ein 50:50-Blend, den Farmers Coffee für uns schon vor dem Export mischt und als Pre-Blend in Kaffeesäcke abfüllt. Sie haben dafür einen neuen Prozess etabliert und sich voll auf das Projekt eingelassen. Der Kaffee findet Anklang, und 2026 haben wir sie in kleiner Gruppe wieder besucht – wie auch die Familie, die den Arabica-Anteil im Compadre beisteuert.
Farmers Coffee ist äußerst kundenfokussiert und sieht Röstereien als Partner, die sie verstehen möchten. Wir teilen alle Zahlen, informieren uns gegenseitig über Projekte und Geschäftsperformance – das Vertrauen ist da. Partner wie Farmers Coffee zeigen, wie viel Spaß es macht, mit starken, vernetzt denkenden Unternehmen zusammenzuarbeiten, die selbst nah an den Produzenten sind.
Yulma Argueta und der Amigo (Guatemala)
Yulma Argueta musste 40 werden, bis sie mit der Kaffeeproduktion begann. Kaffeeproduzierende werden in der Regel in eine Kaffeefamilie geboren und übernehmen irgendwann den Betrieb. Yulmas Geschichte war anders. Mit ihrer Familie führte sie in Baja Verapaz, Guatemala, eine Farm, die auf Pferdezucht und Holzproduktion fokussiert war. Kaffee war aber immer ihre Leidenschaft, und so fing sie verhältnismäßig spät an, ein paar Hektaren zu bepflanzen. Die ersten Ernten verkaufte sie auf dem lokalen Markt – der Qualität ihres Kaffees war sie sich gar nicht richtig bewusst.

Yulma mit Nadja und Philipp an der World of Coffee in Genf, 2025
Sie kam in Kontakt mit Grounds for Empowerment, einem Online-Programm, das während der Pandemie ein Netzwerk lateinamerikanischer Produzentinnen schuf. Philipp hat damals einen Workshop über Storytelling gegeben, und Yulma war dabei. Sie teilte ihre biografische Geschichte mit der Gruppe. Es war ein emotionaler Moment, der eine Verbindung schuf. Wir blieben in Kontakt, und ein Jahr später schickte sie uns Samples. Der gewaschene Kaffee von 1800 m ü. M. war sehr gut, aber wir fanden keinen Exportpartner, der wegen ein paar Rohkaffeesäcken den Aufwand auf sich genommen hätte.
2025 klappte es: Yulma konnte zum ersten Mal Kaffee außerhalb Guatemalas exportieren. Ihren Kaffee rösteten wir für den Amigo-Filterkaffee. Er kam auch bei anderen Röstereien gut an, und so konnten wir ihr helfen, ihr Netzwerk zu erweitern. Damit der Kaffee mit möglichst wenig Aufwand exportiert werden kann, haben wir sie mit verschiedenen Exporteuren vernetzt; entschieden hat sie sich für algrano. 2026 haben wir zum zweiten Mal von ihr eingekauft. Wir sehen es als unsere Verantwortung, Partner weiter zu vernetzen, damit sie sich breit aufstellen können. Denn so wachsen wir zusammen.
BridAzul und die Doña Margarita (Nicaragua)
Als wir 2017 die Finca Santa Rita in Nicaragua übernommen haben, fing das Team von BridAzul gerade an, verschiedenste Fermentationsexperimente zu machen. Sie probierten hunderte Prozesse aus und stabilisierten sie, bis sie ihre Handvoll hatten – mit denen sie bis heute an Cup-of-Excellence-Wettbewerben mehrfach in die Top 10 kommen. Bei einem dieser Prozesse werden die Kirschen im Wasserkanal sortiert, in Regenfässer gegeben, geschlossen und vier Tage fermentiert. Danach trocknen sie im Schatten. Die Stunden im Fass und die Dauer der Trocknung ergeben unterschiedliche sensorische Profile.

Eines davon taufte BridAzul «Lucid Dreams» – ein Kaffee, der ein Traum war, dessen Geschmacksnoten aber so klar zu sehen waren. Er zeigt jedes Jahr Noten von Sauerkirsche und Maracuja, ist schwer und saftig zugleich. Wir waren angetan, wollten den Kaffee aber nach einer Person benennen, wie wir das mit allen Kaffees tun. Da unsere Partnerin vor Ort auf der Packung nicht in Erscheinung treten wollte, benannten wir ihn nach einer früheren Besitzerin unserer Finca Santa Rita: Doña Margarita. Der Klang stimmte, der Kaffee auch.
Jedes Jahr hat BridAzul den Prozess verfeinert und die verwendeten Kirschen auf zwei Farmen beschränkt – Santa Rita und eine Nachbarsfarm –, was den Kaffee immer homogener machte. Heute schenken wir ihn für drei Monate in unseren Cafés aus. Es gibt Stammgäste, die lange auf diese Zeit warten und sonst fragen: «Wann ist Doña wieder hier?» Wenn ein Kaffee einen Spitznamen bekommt, ist er auf dem Weg zum Klassiker.
Wie wir Kaffee einkaufen
«Start with the end in mind» ist unser Leitspruch, bevor wir überhaupt an einen bestimmten Rohkaffee denken. Zuerst fragen wir uns: Welchem Zweck soll der Rohkaffee dienen? Welchem Getränk, welcher Extraktionsmethode, welcher Kundengruppe, welchem Geschmacksprofil und welcher Preisvorstellung? Sind diese Fragen geklärt, suchen wir zuerst innerhalb des bestehenden Netzwerks an Produzenten. Im besten Fall kaufen wir von denselben Produzenten verschiedene Kaffees ein.
Diversifizierung der Herkunft
In den letzten Jahren haben wir uns geografisch und strukturell breiter aufgestellt. Wir hatten lange einen großen Brasilien-Anteil im Portfolio und haben ihn immer noch, diversifizieren aber innerhalb Brasiliens über verschiedene Regionen (Minas Gerais, Campo das Vertentes, Matas de Minas, Espírito Santo). Kaffees aus Indien sind neuer im Sortiment, und der Anteil kolumbianischer Kaffees ist – gemessen an der globalen Bedeutung Kolumbiens – noch sehr gering. Mit dieser Diversifizierung wappnen wir uns für mögliche Lieferunterbrüche. Gerade bei größeren Volumen sind wir risikoaverser geworden und decken uns bei regelmäßig gerösteten Kaffees ein, denn irgendeine Überraschung wartet immer.

Sortierter und verpackter Kaffee wird in Nicaragua in den Container verladen.
Diversifizierung der Importeure
Wir kaufen in der Regel über sorgfältig ausgewählte Importeure ein, mit denen uns inhaltlich viel verbindet. Mit algrano arbeiten wir seit 2017 und beziehen den Großteil unserer Kaffees über die Plattform. In Mexiko arbeiten wir mit Ensambles, This Side Up machte uns Kaffee aus Indien zugänglich. Mit Falcon verbindet uns eine langjährige Freundschaft, mit Plot Coffee waren wir in Äthiopien, wo sie gut vernetzt sind. Auf Belco setzen wir in Kolumbien. Gerade bei Micro- und Nanolots arbeiten wir mit spezialisierten Importeuren zusammen, die ein klares Steckenpferd haben. So haben wir unser Importeurs-Netzwerk stark verbreitert.
So früh wie möglich bestellen
Wir versuchen, unseren Partnern schon sechs bis acht Monate vor der Ankunft des Kaffees eine Volumenvorstellung zu geben, damit sie planen können. Der frühen Bestellung folgt ein Vertrag, den wir ebenfalls frühestmöglich unterzeichnen. Regelmäßigkeit und Planbarkeit führen zu nötiger Stabilität und Sicherheit auf beiden Seiten.
Preisgestaltung
Die Preisgestaltung ist so individuell wie die Kaffees selbst. Grob gibt es drei Wege:
Am liebsten ist es uns, wenn Produzenten ihren Preis nennen und klar erklären. Zu tiefe Preise sind uns suspekt, ebenso Fabelpreise, die nicht mehr die Produktionskosten zeigen, sondern den Markenwert abbilden. Um möglichst nahe an einen «richtigen» Preis zu gelangen, braucht es das offene Gespräch – so, dass beide Seiten sagen können, der Preis stimmte. Preise zu verhandeln gehört für uns ebenso dazu wie der Verzicht auf spekulative Praktiken.
Kontakt und Besuche
Die Produzenten unserer am meisten eingekauften Rohkaffees haben wir alle besucht – von bisher einmalig bis regelmäßig. Übers Jahr sind wir in regelmäßigem Austausch, mal oberflächlicher, mal tiefgründiger, so wie es in einer Partnerschaft eben ist. Nicht immer verläuft jede Lieferung einwandfrei: Verspätungen gehören dazu, manchmal defekte Kaffeesäcke, selten auch Annullierungen, weil zum Beispiel ein Community-Lot nicht gemischt werden kann. In der Kaffeebranche gibt es immer irgendwo eine Herausforderung. Wir haben aber gelernt, dass es immer eine Lösung gibt. Und wenn wir sie mit den Produzenten selbst finden, arbeiten wir am Fundament einer starken, zukunftsfähigen Beziehung.

Jahr für Jahr besuchen wir das Toca-Projekt, was das Vertrauen stärkt.
Zeitverschiebung, Calls und Reisen
Eine romantische Fernbeziehung funktioniert, wenn der Austausch regelmäßig stattfindet. Eine partnerschaftliche Fernbeziehung gehorcht denselben Prinzipien. Das Lieblingstool von Kaffeeproduzierenden scheint WhatsApp zu sein; E-Mails schreiben wir, wenn es um konkrete Verträge geht. Man muss sich das mal vorstellen: Wir sprechen zum Teil über hohe sechsstellige Beträge, einigen uns per WhatsApp auf Volumen und Preise – und ganz am Schluss gibt es doch noch eine E-Mail, mit der wir die Chats festzurren.
Da wir einen Großteil unserer Kaffees aus Zentral- und Südamerika einkaufen, kommunizieren wir mit Yulma, César und Co., wenn hierzulande der späte Nachmittag beginnt. Einer unserer Running Gags: «Die Latinos sind jetzt wach, jetzt wird gechattet!» Wichtig ist, dass wir nicht nur vor und während der Ernte in Kontakt sind, sondern vor allem danach – zwischen den Ernten. Diese Zwischenzeit ist unsere strategische Kommunikationszeit: Der Druck ist vorbei, wir können rekapitulieren und gemeinsam in die Zukunft schauen. Die Kommunikation während der Ernte ist wie ein 90-Minuten-Fußballspiel: fokussiert und schnell. Zwischen den Ernten ist es wie das Training – mehr Zeit, mehr Raum. Deshalb legen wir unsere Reisen in der Regel in die Saison zwischen den Ernten.
Vertrauen vor Kontrolle
Vieles passiert in unserer täglichen Arbeit als KMU über direkte Kommunikation, persönlichen Austausch und entgegengebrachtes Vertrauen. Weniger passiert über Zertifizierungen und formale Kontrolle – intern wie extern. Einerseits, weil wir unsere Partner direkt kennen, uns austauschen und besuchen; andererseits, weil sie selbst auf Zertifizierungen verzichten und wir das als Einkäufer nicht zwingend einfordern. Vertrauen vor Kontrolle ist unser Ansatz. Dafür braucht es Austausch – und Nähe.
Das Nähe-Framework von Edelmann et al. (2020) unterscheidet vier Arten von Nähe:
Bei organisatorischer, sozialer und kognitiver Nähe sind wir mit vielen Partnern eng kalibriert; die institutionelle Nähe bleibt informeller Natur. Um sich hier extern abzusichern, würden Drittpartei-Zertifizierungen (Fairtrade, EU/CH-Bio, Demeter) helfen. Wir werden aber bis auf Weiteres nicht alle Partner zu einer solchen Zertifizierung führen. Wenn sie es wünschen, unterstützen wir dabei – wie bei APAS geschehen und bei Toca gerade dran.
Wir evaluieren zudem systematisch, welche Rolle eigene Richtlinien der Produzenten für uns spielen können. Partizipative Garantiesysteme (PGS, Participatory Guarantee Systems) sind lokale, alternative Qualitätssicherungssysteme. Sie zertifizieren Produzenten durch die aktive Beteiligung aller Interessensgruppen und basieren auf physischen, sozialen Netzwerken, direktem Austausch und Vertrauen – ein Bottom-up-Ansatz, der sich an die spezifischen ökologischen und sozialen Bedingungen einer Region anpassen kann. Wenn wir Kaffees einkaufen, ohne genau den Hintergrund zu kennen, sind es zumindest zertifizierte Kaffees – wie ein Bio-zertifiziertes Robusta-Lot über InterAmerican. Wir verkaufen keinen Kaffee im klassischen Retail und sind deshalb nicht an Drittpartei-Zertifizierungen gebunden, die im Lebensmittel-Einzelhandel oft eingefordert werden.
Wie wir Nachhaltigkeit als Unternehmen verstehen, steht in Nachhaltigkeit bei den Kaffeemacher:innen. Unseren gemessenen CO₂-Fußabdruck der Rösterei legen wir in Unser CO₂-Fußabdruck offen, und wie viele Emissionen im Anbau entstehen, zeigt die Analyse Umweltauswirkung von Kaffeeanbau am Beispiel unserer Finca Santa Rita. Den Weg des Kaffees, Börse, FOB und Siegel erklären wir im Überblick Kaffeemarkt: Handel, Siegel, Transparenz.
Was sind unsere Pläne?
Lange war es ein Running Gag bei uns, einander zu fragen: «Komm, wir reden mal wieder über Wachstum. Wie denken wir darüber?» Wir sind ein Unternehmen im Verantwortungseigentum (Steward Ownership), gehören uns selbst und müssen keine von Investoren verordneten Ziele erreichen. Die geben wir uns selbst, wachsen organisch und investieren dort, wo wir Entfaltungsmöglichkeiten sehen. Wir haben keinen Wachstumsdruck – wir haben Wachstumslust. Denn wenn wir wachsen, wachsen unsere Partner mit. Wenn wir mehr Amigo mit Kaffee von Yulma verkaufen, kann Yulma uns mehr liefern, und wir werden einander auch ökonomisch wichtiger.
Das stärkt eine Verbundenheit, die zu mehr Resilienz auf beiden Seiten führt. Die Grenze ist die gegenseitige Abhängigkeit, die wir vermeiden müssen. Das gemeinsame Wachsen stellen wir ins Zentrum unserer ersten Producers Conference von Ende Juni 2026. Sie heißt sinngemäß Creciendo Juntos – zusammen wachsen. Unsere Pläne beinhalten Wachstum, aber nicht nur in Zahlen, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Wir arbeiten lieber längerfristig mit denselben Produzierenden zusammen, als auf Teufel komm raus mehr Volumen zu rösten. Lieber noch mehr voneinander lernen, als zu große Versprechen zu machen. Starkes Wachstum bedingt auch, dass wir es begleiten können – dass das Team es auffängt und die Infrastruktur mehr Volumen zulässt. Diese Szenarien entwickeln wir in unserem Tempo, damit wir verlässliche Partner auf der einen und eine Spezialitätenrösterei mit hohem Qualitätsanspruch auf der anderen Seite bleiben.
Kurz gesagt
Der Kaffeemarkt hat in den letzten 18 Monaten Extreme erlebt – vom Allzeithoch über 442 US-Cent bis zur fast Halbierung auf gut 250 US-Cent. Was durch alle Schwankungen trägt, sind Beziehungen: früh bestellen, offen über Preise reden, diversifizieren und nah an den Menschen bleiben. Dieser Bericht ist wie eine Beziehung im Wandel und wird sich weiterentwickeln. Wenn ihr Inputs oder Wünsche für die nächste Ausgabe habt, schreibt uns gerne an roesterei@kaffeemacher.ch.
Verantwortlich für den Inhalt: Philipp Schallberger, Kaffeemacher AG, Güterstrasse 140, 4053 Basel. Erschienen im Juni 2026.
















