Vier Verfahren, ein Ziel: das Koffein muss aus der Bohne, alles andere soll drinbleiben. Wie gut das gelingt, entscheidet über den Geschmack, über den Preis und darüber, ob am Ende messbare Lösungsmittelreste in der Tasse landen. Wir haben mit dem Entkoffeinierer CR3 in Bremen gesprochen, Patente und Grenzwerte nachgelesen und dabei einen Fehler gefunden, der in fast jedem Artikel zum Thema steht.

Entkoffeiniert wird immer der Rohkaffee, nie der geröstete. Vier Extraktionsmittel sind im Einsatz: Dichlormethan, Ethylacetat, Wasser und CO₂. Der Unterschied zwischen ihnen liegt in der Selektivität, nicht im Marketingnamen. Und entkoffeiniert heißt nicht koffeinfrei: ein entkoffeinierter Espresso enthält 3 bis 15,8 Milligramm Koffein.
Was alle Verfahren bei der Herstellung gemeinsam haben
Entkoffeiniert wird immer der Rohkaffee, also die grüne Bohne vor der Röstung. Ein Verfahren, das gerösteten Kaffee entkoffeiniert, gibt es industriell nicht.
Meike Holtmann arbeitet bei ANKA, der Forschungs- und Innovationstochter von CR3, an genau diesen Prozessen. Sie beschreibt vier Schritte, die bei allen Verfahren gleich ablaufen:
Der Unterschied zwischen den Verfahren liegt im zweiten Schritt, und dort in drei Größen: Temperatur, Druck und Zeit. Holtmann nennt es „die Fahrweise des gesamten Prozesses".
Selektivität heißt: wie gezielt geht ein Extraktionsmittel auf das Koffein los und lässt alles andere in Ruhe. Ein wenig selektives Mittel holt Fette, Säuren und Aromastoffe mit heraus. Das ist der eigentliche Grund, warum manche Decafs flach schmecken.
Dichlormethan: neun Stunden und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis
Dichlormethan, kurz DCM oder Methylenchlorid, ist weltweit das häufigste Verfahren. Der Grund ist einfach: es funktioniert besser als alles andere. Holtmann nennt DCM „das effizienteste Extraktionsmittel für Koffein".
Druck, Temperatur und Zielwert nach dem Original-Patent von Procter & Gamble aus dem Jahr 1971. Dort werden die Bohnen auf 41 bis 50 Gewichtsprozent Wasser vorbefeuchtet, das Lösungsmittel-zu-Bohnen-Verhältnis liegt bei 3:1 bis 5:1.
Kurze Prozesszeit bedeutet niedrigen Energieverbrauch, und der schlägt direkt auf den Preis durch. Holtmann: „Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis."
Was viele überrascht: DCM ist nicht das aggressivste, sondern ein eher schonendes Mittel.
„Es ist relativ selektiv auch für das Koffein. Es kommen nicht so viele Co-Extrakte mit raus."
Wer eine gute Rohkaffeequalität hineingibt, bekommt viel Aroma erhalten. Nur haben wir zumindest noch keinen Spezialitätenkaffee aus dem DCM-Verfahren getrunken. Das hat wohl auch damit zu tun, dass es ein chemischer Prozess ist und die Akzeptanz im Markt limitiert ist.
Beim indirekten DCM-Verfahren berührt das Lösungsmittel die Bohne nie. Der Kaffee wird in heißem Wasser eingeweicht, das Koffein geht ins Wasser, und erst dieses Wasser wird mit DCM behandelt. Danach kommen die Aromastoffe mit dem Wasser zur Bohne zurück. Zu Temperaturen und Zeiten dieser Variante haben wir keine belegten Zahlen gefunden.
Wie viel Dichlormethan bleibt im Kaffee? 34 Produkte im Test
Eine Arbeitsgruppe hat 2024 34 handelsübliche entkoffeinierte Röstkaffees aus dem EU-Handel gemessen, per Headspace-GC-MS. Die Ergebnisse:
| Messgröße | Wert |
|---|---|
| Spannweite im Röstkaffee | 5,7 bis 816,6 µg/kg |
| Mittelwert | 127 µg/kg (0,127 mg/kg) |
| Median | 59,5 µg/kg (0,060 mg/kg) |
| Gesetzlicher Höchstwert EU | 2 mg/kg (2.000 µg/kg) |
| Gesetzlicher Höchstwert USA | 10 mg/kg (10 ppm) |
| Übergang ins Getränk, Filterkaffee | Median 26,8 Prozent |
| Übergang ins Getränk, French Press | Median 43,1 Prozent |
Fabian, Süße-Herrmann, McGaffin & Hielscher (2024), Proceedings 109(1), 33. Grenzwerte: EU-Richtlinie 2009/32/EG Anhang Teil II, 21 CFR 173.255.
Drei Dinge stehen damit fest. Erstens: DCM ist im fertigen Kaffee nachweisbar, die Aussage „nach der Röstung ist nichts mehr drin" ist zu pauschal. Zweitens: der höchste gemessene Einzelwert liegt bei rund 41 Prozent des Grenzwerts, der Median bei etwa drei Prozent. Drittens, ein Viertel bis gut zwei Fünftel des Rückstands landen in der Tasse, und die French Press überträgt deutlich mehr als der Papierfilter.
Holtmann sagt zu den Rückständen: „Die vorgeschriebenen Höchstmengen werden um das Hundertfache unterschritten." Der Median der Studie liegt bei einem Faktor von etwa 34, der Mittelwert bei etwa 16. In der Größenordnung passt das, die Einzelwerte streuen aber erheblich.

Pures Koffein bei Descamex, Córdoba, Mexiko
Warum das Thema gerade, wieder einmal, bewegt
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) führt Dichlormethan seit 2017 in Gruppe 2A, also als „wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen". In den USA läuft seit November 2023 ein Antrag mehrerer Umwelt- und Gesundheitsorganisationen, Methylenchlorid aus der Lebensmittelzulassung zu streichen. Die FDA hat die Kommentarfrist am 28. Mai 2026 wiedereröffnet und am 29. Juni 2026 geschlossen, eine Entscheidung ist bis heute nicht gefallen. In der EU haben wir keine vergleichbare Initiative gefunden.
Ethylacetat, das Zuckerrohr-Verfahren
Ethylacetat läuft unter zwei Namen. Der technische ist Ethylacetat, der schönere Sugarcane Process. Beide meinen dasselbe Molekül.
„Industriell wird es in synthetischer Form eingesetzt. Es ist aber auch in Spuren in Zuckerrohr, in Zuckerrüben oder auch in Obst natürlich vorhanden und kann auch aus natürlichen Bestandteilen hergestellt werden. Und deshalb trägt es halt auch diesen Namen Sugarcane Processing."
Technisch verhält sich Ethylacetat ähnlich wie DCM, mit einem Unterschied: „Es ist nicht ganz so selektiv für das Koffein wie das Dichlormethan. Also die Prozesszeiten sind leicht länger." Bei Descafecol in Manizales, der Entkoffeinierungsanlage in Kolumbien, laufen die Lösungsmittelzyklen laut Prozessdiagramm über etwa acht Stunden, nach einem halbstündigen Dämpfen.
Zyklen und Dämpfzeit nach dem Prozessdiagramm von Descafecol, Manizales. Die Rückstandsspezifikation von 20 ppm ist eine freiwillige Angabe von Descafecol, Cafe Imports nennt in ihrem Prozessdiagramm maximal 10 ppm.
Die Rechtslage ist der eigentliche Unterschied. Anders als bei Dichlormethan gibt es für Ethylacetat keinen numerischen EU-Höchstwert. Es steht in Teil I des Anhangs der Richtlinie 2009/32/EG, also bei den Lösungsmitteln, die bei guter Herstellungspraxis für alle Zwecke erlaubt sind.
Die spannendste Zahlenreihe zu diesem Verfahren stammt aus einem Review von 1999 und zeigt, was Entkoffeinierung kostet:
| Bedingung | Dauer | Koffein entfernt | Verlust an löslichen Feststoffen |
|---|---|---|---|
| Raumtemperatur, 27 Grad | 8 h | 37 bis 39 % | 9 bis 10 % |
| Raumtemperatur, 27 Grad | 14 h | 42 bis 44 % | 14 bis 15 % |
| mit Heißwasserzirkulation | 8 h | 62 bis 64 % | 34 bis 36 % |
| mit Heißwasserzirkulation | 16 h | 78 bis 80 % | 40 bis 42 % |
Ramalakshmi & Raghavan (1999), Critical Reviews in Food Science and Nutrition 39(5), Tabelle 5. Laborbedingungen, keine Industrieparameter.
Die Wasserverfahren: warum Wasser allein nicht funktioniert
Der naheliegendste Gedanke ist auch der falscheste. Wenn man Kaffeebohnen in heißes Wasser legt, löst sich zwar Koffein, aber eben auch alles andere. Man erhält eine Tasse Kaffee und eine geschmacklose Bohne.
Die Wasserverfahren lösen das mit einem Trick. Holtmann: „Die Kaffeebohne wird mit heißem Wasser oder aber mit heißem koffeinfreien Grünkaffee-Extrakt extrahiert." Dieses Extrakt ist mit allen löslichen Kaffeebestandteilen gesättigt, nur ohne Koffein. Aus der Bohne kann deshalb im Wesentlichen nur noch Koffein herauswandern, alles andere bleibt drin, weil die Lösung dafür schon voll ist.
Das koffeinbeladene Extrakt läuft dann über Adsorberfilter. „Aus diesen Adsorberfiltern kommt ein koffeinfreier, aber aromenreicher Extrakt wieder raus." Der Kreislauf beginnt von vorn.
„Wir haben festgestellt, dass die Filter, die wir da verwenden, auch eine geringere Affinität gegenüber Co-Extrakten haben, was sich sehr positiv auf das Aroma des entkoffeinierten Kaffees ausprägt, weil wir da weniger Verluste haben."
Zwei Anbieter tragen die Wasserverfahren im Namen. Swiss Water in Delta, British Columbia, arbeitet mit Green Coffee Extract und Kohlefiltern. Descamex in Córdoba, Veracruz, nennt sein Verfahren Mountain Water Process.
Werte aus einem Patent von 1980 zum Wasserverfahren mit Adsorption. Swiss Water und Descamex veröffentlichen keine eigenen Prozessdaten.
„99,9 % koffeinfrei", na ja
Weder Swiss Water noch Descamex veröffentlichen Temperaturen, Drücke, Prozesszeiten oder einen Entkoffeinierungsgrad. Die verbreitete Angabe „99,9 Prozent koffeinfrei" für den Swiss Water Process ließ sich auf keine Primärquelle zurückführen, sie stammt aus einer Lehrunterlage, die selbst auf einen Blog verweist. Wir nennen sie deshalb nicht als Fakt.
Der Kaffee, mit dem bei uns alles anfing, kommt aus einem solchen Verfahren. Unser Sueño aus Mexiko wird bei Descamex mit Wasser entkoffeiniert, der Kaffee kommt von der Rancho San Felipe.

Überkritisches CO₂: ab 31 Grad und 73,8 bar
Kohlendioxid kennt man als Gas und als Trockeneis. Oberhalb von rund 31 Grad und 73,8 bar wird es etwas Drittes: überkritisch. Es hat dann die Dichte einer Flüssigkeit und das Diffusionsverhalten eines Gases, und in diesem Zustand löst es Koffein.
Erfunden hat das Kurt Zosel in Oberhausen, das Patent wurde am 5. Februar 1970 angemeldet. Es nennt 40 bis 80 Grad, 120 bis 180 Atmosphären, einen Wassergehalt der Bohnen von 15 bis 30 Prozent, 5 bis 15 Stunden Entkoffeinierung und ein Restkoffein unter 0,01 Prozent. Der Kern des Patents ist eine Feinheit: erst die Feuchtigkeit macht das überkritische CO₂ zu einem Medium, das Koffein aufnimmt.
Im heutigen Industriemaßstab liegen die Werte höher. Holtmann nennt „extrem hohe Drücke, 250 bis 300 bar, und hohe Temperaturen von 60 bis 80 Grad". Eine Ökobilanz-Studie von 2017 dokumentiert eine Anlage mit 250 bar und 90 Grad, fünf Stunden Dämpfen, dann 11,5 Stunden Extraktion für Arabica und 22 Stunden für Robusta, mit 97 Prozent Koffeinentfernung.
Weltweit werden mit dem überkritischen Verfahren nach Angaben der Max-Planck-Gesellschaft rund 100.000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr verarbeitet. Das sind immerhin rund ein Prozent der globalen Ernte.
Unterkritisches CO₂: flüssig bei 70 bar, sieben Tage Prozesszeit
Wer den Druck und die Temperatur unter den kritischen Punkt senkt, bekommt flüssiges CO₂. Das ist langsamer und teurer, und genau deshalb interessant, vor allem sensorisch.
CR3 nennt dieses Verfahren Carbonic Natural. Holtmann beschreibt es so: „Das CO₂ ist da in einem flüssigen Zustand und durchströmt die vorbehandelten Bohnen und ist dabei unfassbar selektiv." Nach der Extraktion wird entspannt, der Druck fällt von 70 bar auf Umgebungsdruck, und das Koffein fällt aus dem CO₂ aus. Es wird in einem Wasserstrom aufgenommen, das CO₂ geht koffeinfrei zurück in die nächste Charge.
Druck, Temperatur und Restkoffein nach einem dokumentierten Werksbesuch von Belco. Dort gehen 97 bis 99 Prozent des Koffeins in der Flüssig-CO₂-Phase heraus.
Sebastian Gabriel, Marketing und Sales bei CR3, hat uns das schon einmal so erklärt: CO₂ sei „ein faules Lösungsmittel".
Zwei Punkte, die im Alltag zählen. Das CO₂ stammt aus natürlicher Quellkohlensäure, das Verfahren ist deshalb bio-zertifizierbar. Und: unser Apas Decaf aus Brasilien wird so entkoffeiniert, der Dipilto Decaf aus Nicaragua ebenfalls.

Das Triglycerid-Verfahren: viel behauptet, wenig belegt
In vielen Artikeln steht ein fünftes Verfahren: die Bohnen baden in heißem Kaffeeöl, die Triglyceride im Öl ziehen das Koffein heraus.
Wir haben dazu keine Primärquelle gefunden. Kein Patent, keine begutachtete Studie, keine Herstellerangabe nennt Temperatur, Dauer, Öl-Bohnen-Verhältnis oder Entkoffeinierungsgrad. Geprüft und ausgeschlossen haben wir drei einschlägige Patente, die in der Literatur regelmäßig dafür zitiert werden und tatsächlich andere Verfahren beschreiben.
Die vier Verfahren im direkten Vergleich
CO₂ steht zweimal in der Tabelle, weil es in zwei Fahrweisen läuft. Das Extraktionsmittel bleibt dasselbe.
| Verfahren | Extraktionsmittel | Dauer | Druck / Temperatur | Selektivität | Kosten |
|---|---|---|---|---|---|
| Dichlormethan (DCM) | Dichlormethan | ca. 9 h | 2–14 bar / 60–99 °C | hoch | niedrig |
| Ethylacetat (Sugarcane) | Ethylacetat | ca. 8 h Zyklen | nicht veröffentlicht | mittel | niedrig bis mittel |
| Wasser (Swiss Water, Mountain Water) | Grünkaffee-Extrakt plus Adsorberfilter | nicht veröffentlicht | 50–100 °C (Patent 1980) | hoch, filterabhängig | hoch |
| CO₂, überkritisch | überkritisches CO₂ | 11,5–22 h | 250–300 bar / 60–90 °C | hoch | hoch |
| CO₂, unterkritisch (Carbonic Natural) | flüssiges CO₂ | 6–7 Tage | 70–80 bar / 23 °C | sehr hoch | hoch |
„Nicht veröffentlicht" heißt: der Wert ist von keinem Hersteller und in keiner Primärquelle publiziert.
Was „entkoffeiniert" rechtlich bedeutet, und warum „EU-Grenzwert 0,1 Prozent" falsch ist
Präzision ist entscheidend: Sätze wie „in der EU darf entkoffeinierter Kaffee bis zu 0,1 Prozent Koffein enthalten" stehen auf jeder zweiten Seite zum Thema. Sie sind so nicht richtig.
Die EU regelt mit der Richtlinie 1999/4/EG ausschließlich Kaffee-Extrakte, also löslichen Kaffee. Dort liegt die Grenze bei 0,3 Prozent wasserfreiem Koffein bezogen auf die Trockenmasse. Für Röstkaffee haben wir keinen harmonisierten EU-Zahlenwert gefunden.
Die 0,1 Prozent kommen aus nationalem Recht:
| Rechtsraum | Röstkaffee | Löslicher Kaffee | Grundlage |
|---|---|---|---|
| Deutschland | max. 1 g Koffein je kg Kaffeetrockenmasse, also 0,1 % | max. 3 g/kg, also 0,3 % | Kaffeeverordnung, § 2 Abs. 3 |
| Schweiz | max. 0,1 Massenprozent, bezogen auf die Trockensubstanz | max. 0,3 Massenprozent | Verordnung des EDI über Getränke |
| EU | kein harmonisierter Wert gefunden | 0,3 % | Richtlinie 1999/4/EG |
Praktisch ändert das für dich als Trinkerin oder Trinker nichts: in Deutschland und in der Schweiz gilt derselbe Wert von 0,1 Prozent.
Was am Ende in der Tasse landet
Der Grenzwert sagt nichts darüber, wie viel Koffein du wirklich trinkst. Dafür braucht es Messungen am Getränk.
Die Referenzstudie dazu ist von 2006. Zehn Filterkaffee-Decafs aus neun Ketten und lokalen Cafés lagen zwischen 8,6 und 13,9 mg Koffein pro 473 ml. Entkoffeinierter Espresso kam auf 3 bis 15,8 mg pro Shot.
Zum Ausgangspunkt: Rohkaffee enthält je nach Art etwa ein Prozent Koffein bei Arabica und etwa zwei Prozent bei Canephora. Eine Untersuchung von 2020 nennt als Spannweiten 0,8 bis 1,4 Prozent für Arabica und 1,7 bis 4,0 Prozent für Robusta. Die Röstung ändert daran fast nichts, denn das Koffein ist hitzestabil.
Was dieses Restkoffein im Körper macht, ist eine eigene Frage. Wie lange Koffein wirkt, wie schnell es abgebaut wird und ab wann es den Schlaf stört, haben wir separat aufgeschrieben.
Bremen als Koffeinhauptstadt
„Die Entkoffeinierung wurde in Bremen erfunden. Das wissen viele Leute gar nicht. Und man kann quasi sagen, Bremen ist bis heute die Welthauptstadt der Entkoffeinierung."
Beides trifft zu, mit einer Präzisierung. Das Patent „Preparation of coffee" wurde am 4. Mai 1906 angemeldet und am 1. September 1908 erteilt. Darauf stehen drei Namen: Johann Friedrich Meyer jr., Ludwig Roselius und Karl Heinrich Wimmer. Roselius wird fast überall als Alleinerfinder geführt, das ist er jedoch nicht.
Und das Lösungsmittel war tatsächlich Benzol, wörtlich im Patent: „We have found that benzene (also called benzol) is eminently suitable for this purpose." Kaffee HAG wurde im selben Jahr gegründet, 1906. Die verbreitete Anekdote, eine mit Seewasser havarierte Kaffeeladung habe Roselius auf die Idee gebracht, klingt abenteuerlich, aber vielleicht etwas zu abenteuerlich. Eine belastbare Quelle konnte ich bisher nicht finden.
Zur Welthauptstadt: in Bremen verarbeitet die Coffein Compagnie nach eigenen Angaben rund 120.000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr in fünf Werken und bezeichnet sich als Weltmarktführer. Dazu sitzt CR3 ebenfalls in Bremen. Ein unabhängiges globales Kapazitätsranking gibt es nicht, weil Descamex, Descafecol, Demus und Swiss Water ihre Kapazitäten nicht veröffentlichen.
Welches Verfahren macht den besten Kaffee?
Stacey Linden von Swiss Water hat es mir im Gespräch für den Hauptartikel sinngemäß so gesagt:
Der Entkoffeinierungsprozess hinterlässt einen sensorischen Fußabdruck, je nach Verfahren mehr oder weniger. Interessant finden wir die Frage, ob diese sensorische Veränderung ein Makel ist, oder eine neue Qualität hinzufügen kann.
Schnelle und günstige Verfahren wie DCM hinterlassen nach unserem Verständnis einen soja-ähnlichen Charakter. Wasserverfahren können bei flacheren Kaffees einen Malzgeschmack hinterlassen. Ethylacetat kann die Säure steigern, während das unterkritische CO₂-Verfahren den Kaffee etwas dämpfen kann.
Wenn man das als Importeur oder Röster weiß, dann sucht man den passenden Rohkaffee für das passende Verfahren, und so kann dann ein neues, sensorisch interessantes Produkt entstehen.
Entkoffeinieren als Qualitätssteigerung von schlechtem Rohkaffee?
Wir haben Meike Holtmann gefragt, ob es stimmt, dass früher vor allem schlechte Qualitäten entkoffeiniert wurden. Ihre Antwort: „Ich nehme das heutzutage hier bei uns auf dem Firmengelände so nicht wahr. Ein Großteil der Kaffees, die wir hier als Rohware verkaufen, haben eine gute, teilweise sogar sehr gute sensorische Qualität." Die niedrigen Qualitäten, im Haus „liebevoll Vogelfutter oder Müsli-Kaffees" genannt, sehe man äußerst selten.
Interessant ist ihre Beobachtung zur Wirkung: „Bei unsauberen Qualitäten nimmt man das tatsächlich auch manchmal als Aufwertung des Kaffees wahr." Bei guten Qualitäten weniger. Der Prozess glättet also, das hilft schlechtem Rohkaffee und kostet gutem etwas.
Wer Decaf beurteilen will, muss beides kennen: die Rohkaffeequalität und das angewandte Verfahren. Mehr zum Geschmack, zur schnelleren Alterung und zur Frage, warum Decaf anders extrahiert, steht im Hauptartikel zu entkoffeiniertem Kaffee.
Zum Nachhören
Fazit
Vier Verfahren, und keines ist pauschal das beste. Dichlormethan ist schnell, günstig und selektiver als sein Ruf, hinterlässt aber messbare Rückstände und steht regulatorisch unter Beobachtung. Ethylacetat ist ähnlich schnell, etwas weniger selektiv und rechtlich lockerer geregelt. Die Wasserverfahren umgehen Lösungsmittel vollständig, veröffentlichen dafür kaum Prozessdaten. CO₂ ist in der unterkritischen Fahrweise das langsamste und teuerste Verfahren und laut CR3 das selektivste.
Unsere entkoffeinierten Kaffees findest du in der Decaf-Sammlung, jeweils mit Angabe des Verfahrens.
Quellen
Gespräche
Meike Holtmann, Forschung und Innovation, ANKA (Forschungs- und Innovationstochter von CR3), Bremen.
Sebastian Gabriel, Marketing und Sales, CR3 Kaffeeveredelung, Bremen.
Stacey Linden, Swiss Water, Delta, British Columbia.
Studien und Reviews
Fabian, Süße-Herrmann, McGaffin & Hielscher (2024): Rückstände von Dichlormethan in entkoffeinierten Röstkaffees, Proceedings 109(1), 33.
Ramalakshmi & Raghavan (1999): Critical Reviews in Food Science and Nutrition 39(5), Tabelle 5.
McCusker, Fuehrlein, Goldberger, Gold & Cone (2006): Caffeine Content of Decaffeinated Coffee, Journal of Analytical Toxicology 30(8), 611–613.
Gaibor, Morales & Carrillo (2020): Determination of Caffeine Content in Robusta Roasted Coffee (Coffea canephora) by RP-UHPLC-PDA, Asian Journal of Crop Science 12(2), 90–96.
De Marco, Riemma & Iannone (2017): Supercritical Carbon Dioxide Decaffeination Process, a Life Cycle Assessment Study, Chemical Engineering Transactions 57, 1699–1704.
Patente
Meyer jr., Roselius & Wimmer: „Preparation of coffee", angemeldet 4. Mai 1906, erteilt 1. September 1908.
Zosel: Verfahren zur Entkoffeinierung mit überkritischem CO₂, angemeldet 5. Februar 1970.
Procter & Gamble: Entkoffeinierung mit Dichlormethan, 1971.
Wasserverfahren mit Adsorption, 1980.
Recht
Kaffeeverordnung, § 2 Abs. 3 (Deutschland).
Richtlinie 2009/32/EG über Extraktionslösungsmittel, Anhang Teil I und Teil II.
Richtlinie 1999/4/EG über Kaffee-Extrakte.
Verordnung des EDI über Getränke (Schweiz).
Verordnung über technische Vorschriften für Lebensmittel, VTVV, Anhang 1 (Schweiz).
21 CFR 173.255 (USA).
Weitere Angaben
IARC Monographs: Einstufung von Dichlormethan in Gruppe 2A, 2017.
FDA, Verfahren zur Streichung von Methylenchlorid aus der Lebensmittelzulassung, laufend seit November 2023.
Max-Planck-Gesellschaft, Angaben zum überkritischen CO₂-Verfahren.
Prozessdiagramme Descafecol (Manizales) und Cafe Imports.
Dokumentierter Werksbesuch von Belco bei CR3.
Coffein Compagnie, Bremen, eigene Angaben zur Verarbeitungsmenge.
















