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    Entkoffeinierter Kaffee – wie geht und schmeckt das?

    Entkoffeinierter Kaffee – wie geht und schmeckt das?

    Entkoffeinierter Kaffee ist Kaffee, dem vor der Röstung das Koffein entzogen wurde. Umgangssprachlich heißt er koffeinfreier Kaffee, aber: wirklich frei von Koffein ist er nicht. In Deutschland darf er höchstens 0,1 Prozent Koffein enthalten, bezogen auf die Trockenmasse. In einer Tasse bleiben nach EFSA-Werten 1,4 bis 3,6 Milligramm übrig, gegenüber 80 bis 138 Milligramm im Filterkaffee.

    Das ist die kurze Antwort. Die längere handelt davon, dass Decaf (decaffeinated) ein eigener Kosmos ist, mit eigenen Geschmacksregeln, eigenem Brühverhalten und einem Markt, der nur wenigen Menschen gehört. Ich habe einen Monat lang nur entkoffeinierten Kaffee getrunken, um das zu verstehen.

    Bis vor kurzem dachte ich bei entkoffeiniertem Kaffee an Kopfschmerzen. Ich trinke Kaffee primär, weil er mir schmeckt, bestreite aber nicht die Wirkung des Koffeins auf mich, das mich in seiner Abwesenheit mit Kopfschmerzen heimsucht. Es resultiert eine etwas schwierige Dreiecksbeziehung zwischen einer Tasse Kaffee, dem Koffein und mir als Kaffeetrinker.

    Diese Situation wollte ich überprüfen und habe mir vorgenommen, einen Monat nur entkoffeinierten Kaffee zu trinken. Ich nannte das meinen Decaf December. In der Vorbereitung darauf habe ich einen Monat vor Beginn täglich fünf Prozent der abgewogenen Kaffeebohnen für einen Filterkaffee mit Decaf-Bohnen ersetzt. Nach knapp einem Monat fühlte ich mich bereit.

    Dachte ich.

    Entkoffeiniert, koffeinfrei, Decaf: was heißt was

    Vier Begriffe, eine Sache, und ein Missverständnis.

    Begriff Bedeutung
    Entkoffeiniert Der rechtlich vorgeschriebene Begriff. Die deutsche Kaffeeverordnung lässt für die Kennzeichnung ausschließlich diesen Wortlaut zu. Das Koffein wurde entzogen, ein Rest bleibt.
    Koffeinfrei Umgangssprachlich verbreitet, auf einer deutschen Packung aber nicht zulässig. Wörtlich genommen ist die Formulierung ohnehin falsch, weil kein handelsüblicher Kaffee wirklich frei von Koffein ist.
    Decaf Kurzform des englischen „decaffeinated“. Auf italienischen Packungen steht dafür „decaffeinato“. Als Kennzeichnung auf einer deutschen Packung ebenfalls nicht zulässig.
    Dekoffeiniert Seltene Variante, meint dasselbe.

    „Koffeinfrei“ und „Decaf“ hört man ständig, auf die Packung dürfen sie in Deutschland trotzdem nicht: die Kaffeeverordnung schreibt für die Kennzeichnung den Wortlaut „entkoffeiniert“ vor, und zwar im gleichen Sichtfeld wie die Bezeichnung des Lebensmittels. Wir verwenden im Artikel „entkoffeiniert“ und „Decaf“. Gemeint ist immer dasselbe.

    Willkommen in einer anderen Welt

    Decaf ist nicht nur eine andere Art von Kaffeegetränk, es ist ein eigener Kosmos. Entkoffeinierter Kaffee schmeckt oft anders als unbehandelter Kaffee. Er sollte anders geröstet und zubereitet werden. Und der Markt hinter der Bohne ist konzentriert auf wenige Akteure.

    Das Interesse an entkoffeiniertem Kaffee hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir spüren das als Rösterei, jährlich rösten wir mehr Decaf. Die Gründe sind individuell, wir hören aber vor allem zwei: Verzicht auf Koffein und milderer Geschmack, wobei milder hier wohl weniger bitter heißt.

    Ich habe auf meinen Aufruf in den sozialen Medien viele Tipps bekommen, wo es guten Decaf gäbe. Ich habe Kaffeemuster zugeschickt bekommen und hatte tolle Gespräche. Es fühlte sich an, als wären hier Kaffeemenschen auf einer Schatzsuche. Ich fragte mich, warum es überhaupt so sein muss? Warum es scheinbar nicht selbstverständlich ist, auf richtig leckeren Decaf zu stoßen?

    Philipp und Michel von den Kaffeemachern beim Cupping bei Descamex in Córdoba, Mexiko

    Kaffeeverkostung bei Descamex in Córdoba, Mexiko. Sie entkoffeinieren unseren Sueño.

    Ich sprach mit einigen der größten Entkoffeinierungs-Unternehmen der Welt, die mich in den Decaf-Kosmos einführten: CR3, Swiss Water, Descamex. Mit Les Révélations aus Paris, einer Rösterei, die ausschließlich Decafs röstet, sprach ich darüber, wie sehr sich das Verständnis über entkoffeinierten Kaffee zu ändern scheint. Und in meiner Selbstreflexion merkte ich, dass wir Decaf schlichtweg falsch verstehen.

    Wie viel Koffein ist noch drin?

    Das ist die Frage, die wir am häufigsten hören: Rohkaffee enthält zwischen 1 und 1,4 Prozent Koffein bei Arabicas und zwischen 1,8 und 3,5 Prozent bei Canephoras (Wintgens, 2012). Der Röstvorgang hat nur marginalen Einfluss, der Koffeingehalt bleibt zwischen Roh- und Röstkaffee fast identisch. Entkoffeiniert wird deshalb der Rohkaffee, vor dem Rösten.

    Was danach erlaubt ist, regelt nationales Recht, und Deutschland und die Schweiz liegen gleich:

    Rechtsraum Röstkaffee Löslicher Kaffee
    Deutschland max. 1 g Koffein je kg Trockenmasse, also 0,1 % max. 3 g/kg, also 0,3 %
    Schweiz max. 0,1 Massenprozent der Trockensubstanz max. 0,3 Massenprozent
    EU kein harmonisierter Wert 0,3 %

    Kaffeeverordnung § 2 Abs. 3 Nr. 1; Verordnung des EDI über Getränke (SR 817.022.12); EU-Richtlinie 1999/4/EG. Die EU regelt nur Extrakte, der oft zitierte „EU-Grenzwert von 0,1 Prozent“ für Röstkaffee existiert so nicht.

    Und in der Tasse? Die Referenzmessung von 2006 fand in zehn Filterkaffee-Decafs aus neun Ketten und Cafés zwischen 8,6 und 13,9 Milligramm Koffein pro 473 Milliliter. Entkoffeinierter Espresso lag bei 3 bis 15,8 Milligramm pro Shot. Nur ein einziges Produkt im Test enthielt kein nachweisbares Koffein. Das Fazit der Autoren gehört auf jede Packung: „decaffeinated is not the same as caffeine-free.“

    Zum Vergleich

    Ein Filterkaffee liegt bei 80 bis 138 Milligramm pro Tasse (200 Milliliter). In zwanzig untersuchten Cafés lagen Espressi zwischen 51 und 322 Milligramm pro Shot, im Median bei 140. Der Unterschied zwischen Decaf und Normalkaffee ist also deutlich größer als der Unterschied zwischen zwei Espressi aus zwei Cafés.

    Für wen sich Decaf lohnt

    Aus den Gesprächen mit unserer Kundschaft und aus dem eigenen Versuch haben sich vier Gruppen ergeben.

    Wer empfindlich auf Koffein reagiert. Nervosität, Herzklopfen und Unruhe sind bei manchen Menschen schon bei kleinen Mengen da. Wie stark Koffein wirkt, ist individuell und teilweise genetisch bedingt, dazu steht mehr im Artikel über die Wirkung von Koffein.

    Wer abends noch Kaffee trinken will. Das war mein eigener Hauptgewinn. Eine kontrollierte Studie von 2025 fand, dass 100 Milligramm Koffein selbst vier Stunden vor dem Zubettgehen keinen messbaren Effekt auf den Schlaf hatten. Bei drei Milligramm braucht man über die Uhrzeit gar nicht mehr nachzudenken. Mehr dazu im Artikel über die Wirkung von Koffein.

    Wer den Geschmack sucht, nicht die Wirkung. Das ist die Gruppe, die im Handel am meisten unterschätzt wird. Stacey Lynden von Swiss Water sagt dazu: „Decaf-Trinker sind die loyalsten aller Kunden.“

    Stacey Lynden von Swiss Water Coffee in Vancouver

    Stacey Lynden von Swiss Water aus Vancouver, Kanada.

    Wer aus gesundheitlichen Gründen weniger Koffein aufnehmen soll. Hier werden wir vorsichtig, weil wir Röster sind und keine Ärzte. Die EFSA nennt für Schwangere und Stillende 200 Milligramm Koffein pro Tag als Menge ohne Sicherheitsbedenken. Was das im Einzelfall bedeutet, gehört ins Gespräch mit einer Fachperson.

    Unsere entkoffeinierten Kaffees

    Wir rösten Decaf aus einem einfachen Grund: weil wir selbst welchen trinken wollen, der uns schmeckt. Bei jedem steht das Verfahren dabei, weil es den Geschmack mitbestimmt.

    Sueño

    Mexiko, Rancho San Felipe. Wasserverfahren bei Descamex. Dunkle Schokolade, Ahornsirup, Malz. Geröstet für Espresso und für dunklen Filter.

    Apas Decaf

    Brasilien, São Gonçalo do Sapucaí. Unterkritisches CO2 bei CR3 in Bremen. Nougat, geröstete Nüsse, schokoladig.

    Dipilto Decaf

    Nicaragua, Dipilto. Unterkritisches CO2 bei CR3. Schokoladig und körperreich, ein bisschen rote Früchte bei mittlerer Säure.

    Shakisso Decaf

    Äthiopien, Shakisso Washing Station in Guji. Wasserverfahren bei Swiss Water, biologische Produktion. Brombeeren, Lebkuchen, Schokolade.

    Was davon gerade verfügbar ist, siehst du in der Decaf-Sammlung.

    Wie wird Kaffee entkoffeiniert? Die vier Verfahren

    Alle industriellen Verfahren behandeln Rohkaffee. Alle beginnen damit, dass die Bohne mit Wasserdampf, Hitze und Wasser vorbehandelt wird, bis sie auf fast das Doppelte ihres Volumens aufquillt und die Poren sich weiten. Erst dann kommt das Extraktionsmittel dazu.

    Vier Extraktionsmittel sind im Einsatz:

    Verfahren Dauer Kurz gesagt
    Dichlormethan (DCM) ca. 9 Stunden Das häufigste und günstigste Verfahren, selektiver als sein Ruf, hinterlässt aber messbare Rückstände.
    Ethylacetat, auch Sugarcane Process ca. 8 Stunden Zyklen Lösungsmittel, das auch natürlich in Zuckerrohr vorkommt. Etwas weniger selektiv als DCM.
    Wasserverfahren nicht veröffentlicht Arbeitet mit gesättigtem Grünkaffee-Extrakt und Adsorberfiltern statt mit Lösungsmitteln. Dazu gehören der Schweizer Wasserprozess, den Swiss Water als Swiss Water Process betreibt, und der Mountain Water Process von Descamex.
    CO2, überkritisch und unterkritisch 11 Stunden bis 7 Tage Kohlendioxid unter hohem Druck. Unterkritisch, also flüssig, ist es das langsamste und laut CR3 das selektivste Verfahren.

    Der Unterschied zwischen den Verfahren liegt in der Selektivität: wie gezielt geht das Extraktionsmittel auf das Koffein los und lässt Aromen, Fette und Säuren in Ruhe. Ein wenig selektives Mittel holt viel mit heraus, und genau das findet man später als dünnen Körper im Glas.

    Wir haben mit den Fachleuten bei CR3 in Bremen über Drücke, Temperaturen, Prozesszeiten und Rückstandsmessungen gesprochen und die Rechtslage nachgelesen. Das alles mit Zahlen und Quellen bekommt einen eigenen Artikel.

    Der Geschmack von entkoffeiniertem Kaffee

    Wie sollte ein entkoffeinierter Kaffee schmecken? So wie ein Kaffee, der nicht entkoffeiniert wurde? Wenn wir uns darauf einigen, dann haben es Decafs schwer, weil der Prozess in den meisten Fällen spürbar ist.

    Ob das negativ ist, kommt darauf an, welche Geschmacksreferenz wir für einen Decaf heranziehen. Ist die Referenz eines Decafs ein nicht-entkoffeinierter Kaffee, oder eben doch ein Decaf? Ist die Referenz eines alkoholfreien Bieres die eines Bieres mit Alkohol?

    Kaffeeverkoster Philipp Schallberger beim Cupping eines entkoffeinierten Kaffees

    Bei Swiss Water sagt mir Stacey Lynden, dass sie in der sensorischen Analyse ein eigenes Attribut dafür haben, wie stark die Prozessnoten zu schmecken sind.

    Die Kaffeewelt hat es mittlerweile geschafft, Robustas separat zu behandeln und in einer anderen Kategorie sensorisch zu besprechen, obwohl es auch ein Kaffee ist. Kapselkaffee vergleichen wir ebenfalls nicht mit einem Espresso aus einer Siebträgermaschine, weil wir wissen, dass es Unterschiede gibt.

    Solange wir denken, dass wir Prozessnoten im Decaf immer abstrafen sollten, bleiben wir in einer Denkstarre hängen und übersehen, was hinter dem Geschmack alles steckt.

    Dabei gilt: es gibt Prozessnoten und Prozessnoten. Der gleiche Rohkaffee, in verschiedenen Methoden prozessiert, wird unterschiedlich schmecken. Die einen schwerer, die anderen leichter. Viel wichtiger ist aber etwas anderes.

    ★ Stacey Lynden, Swiss Water Coffee

    „Coffees with bigger personalities tend to stand out a lot more during the Decaf process.“

    Je charakteristischer der Rohkaffee, umso charakteristischer der Kaffee danach.

    High Quality coming in, high Quality coming out

    Den besten Decaf-Filterkaffee in meinem Decaf December hatte ich von Les Révélations aus Paris. Es war ein Natural aus Panama von Creativa Coffee District. Ich habe den mehrfach gebrüht und im Team verteilt, bekam Rückmeldungen wie „ah, Natural, woher kommt der?“ Und ich sagte einfach „Panama, geröstet in Paris“, habe aber auf die Decaf-Info verzichtet.

    Wir schmeckten die Prozessnoten nicht heraus, weil der Rohkaffee sehr charakteristisch war. Es war ein Natural, der vor dem Trocknen in geschlossenen Gefäßen fermentiert wurde. Wie Stacey Lynden sagen würde: „high quality coming in, high quality coming out.“

    Ja, der Prozess gibt dem Kaffee eine Prozessnote hinzu. Aber wenn das Grundmaterial charakteristisch ist, dann schmeckt man das im Einzelfall kaum.

    Was macht der Decaf-Prozess mit dem Geschmack?

    Der Prozess nimmt auch etwas weg, und zwar Bitterstoffe, neben dem Koffein, das selbst schon bitter ist.

    Sebastian Gabriel von CR3 in Bremen, wo mit unterkritischem CO2 entkoffeiniert wird

    Sebastian Gabriel von CR3, Bremen.

    „Die Säure wird ebenfalls homogenisiert“, sagt Sebastian Gabriel von CR3, dem größten Entkoffeinierer mit unterkritischem CO2. Oft hätten Röstereien schlechteren Rohkaffee eingekauft und diesen dann entkoffeiniert, weil der Prozess mangelnde Qualität etwas mildern kann. Oder prosaischer: „Es kann die schlechte Rohkaffeequalität geschmacklich sogar aufwerten, beziehungsweise dem Rohkaffee schmeicheln.“

    Der Prozess nimmt dem Rohkaffee aber auch immer lösliche Verbindungen raus, zum Beispiel Fette, Kohlenhydrate, Säuren oder Melanoidine, die einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Textur haben.

    Swiss Water hat einen eigenen Bewertungsbogen entworfen, um die Veränderungen vor und nach dem Prozess zu dokumentieren. Auf einer Skala von 1 bis 6 wird beurteilt, wie stark sich der Kaffee verändert hat: Geschmacksnoten, Säure, und der Körper, den sie in texture und thickness aufteilen.

    Stacey Lynden sagt, dass sich der Körper am meisten verändert. Das habe mit dem Verlust an löslichen Verbindungen zu tun. In einem entkoffeinierten Kaffee sind relativ gesehen mehr unlösliche als lösliche Verbindungen vorhanden. Das hat einen Einfluss auf das Brühen und auf den Geschmack.

    Warum ein hoher Entkoffeinierungsgrad nicht automatisch gut ist

    Eine Laborreihe zum Ethylacetat-Verfahren zeigt den Preis dieses Verlusts in Zahlen: 37 bis 39 Prozent Koffeinentfernung kosten 9 bis 10 Prozent der löslichen Feststoffe. 78 bis 80 Prozent Koffeinentfernung kosten über 40 Prozent. Der Entkoffeinierungsgrad allein ist deshalb keine Qualitätsaussage.

    Die Farbe: dunkler, aber nicht verbrannt

    „Die Farbveränderung hat primär nichts mit der Oxidation zu tun“, sagt mir Sebastian Gabriel. In ihrem Fall, der Entkoffeinierung mit unterkritischem CO2, sei es eine Kombination aus Druck, Hitze, Wiederbefeuchtung und erneuter Trocknung.

    Vergleich von unbehandeltem und entkoffeiniertem Rohkaffee, der entkoffeinierte ist deutlich dunkler

    Links: unbehandelter Rohkaffee, rechts: entkoffeinierter Rohkaffee.

    Stacey Lynden sagt dazu, dass im Wasserverfahren das Green Coffee Extract etwas von seiner Farbe im Samen absetze und der Kaffee so dunkler werde.

    Ein interessanter Punkt: entkoffeinierter Kaffee kann auch bei geringer Endtemperatur in der Rösttrommel dunkler aussehen. Sobald er gemahlen wird, ist er aber weiterhin hell. Der Unterschied zwischen äußerer und innerer Farbe ist relativ groß. Bei nicht-entkoffeinierten Kaffees wäre das ein Hinweis auf eine ungleichmäßige Entwicklung der Bohne. Im Decaf-Fall ist es der Prozess: die Zellstruktur wird poröser und die Kaffeeöle dringen einfacher nach draußen.

    Die Frische: Decaf altert schneller

    Gabriel und Lynden sagen beide unabhängig voneinander: Oxidation findet bei entkoffeiniertem Kaffee schneller statt, weil Antioxidantien durch den Prozess gelöst werden. Der Kaffee altert schneller, als Rohkaffee und als Röstkaffee. Dazu kommt die höhere Porosität, durch die Sauerstoff schneller in die Bohne dringt.

    Für dich heißt das: Decaf in kleinen Mengen kaufen und frisch trinken. Während wir bei trocken aufbereiteten Kaffees bis zu drei Wochen nach der Röstung warten, trinken wir Decafs schon nach einer Woche.

    Nahaufnahme gerösteter entkoffeinierter Kaffeebohnen

    Decaf sieht nach dem Rösten dunkler aus – aber nur an der Oberfläche.

    Die Zubereitung von entkoffeiniertem Kaffee

    Auch wenn entkoffeinierter Kaffee immer noch Kaffee ist, verändert der Prozess das Brühverhalten. In allen meinen Tests im Decaf December hatten die mit Wasser, DCM und Ethylacetat entkoffeinierten Kaffees längere Extraktionszeiten in der Filterzubereitung als nicht entkoffeinierter Kaffee. Unterkritisch mit CO2 entkoffeinierte Kaffees verhielten sich am ähnlichsten wie unbehandelte.

    ★ Sebastian Gabriel, CR3

    „Die entkoffeinierte Kaffeebohne ist poröser, es resultiert eine größere Kontaktfläche für das Wasser, die Brühung geht so länger.“

    Stacey Lynden brüht ihren Decaf-Filterkaffee deshalb mit gröberem Mahlgrad. Da der Kaffee im Prozess schon lösliche Verbindungen abgebaut hat, misst sie eine geringere Stärke im Getränk. Ihre drei Regeln:

    1
    Gröber mahlen. Die poröse Bohne bietet dem Wasser mehr Angriffsfläche.
    2
    Höher dosieren. Weil weniger lösliche Substanz vorhanden ist.
    3
    Kürzer bloomen. Der Kaffee entgast schneller.

    Wie das konkret im Siebträger, im Vollautomaten und im Handfilter aussieht, mit Rezeptparametern für unsere Kaffees, bekommt einen eigenen Artikel.

    Der Decaf-Markt: undemokratisch und konsolidiert

    Zurück zu unserem Natural aus Panama. Der Kaffee war sehr gut und erst vor kurzem geröstet, ich extrahierte ihn leicht überdosiert. Er zeigte kaum sensorische Anzeichen auf einen Decaf. Warum ist das kein Standard?

    Wegen der Menge. Und dem Fokus. Und dem Risiko. Und dem Preis.

    Kurzum: weil der Decaf-Markt hoch konsolidiert ist und solche Kaffees Nano-Geschichten in einem wenig transparenten Massenmarkt sind.

    Wer bestimmt, welcher Rohkaffee entkoffeiniert wird?

    In aller Regel sind es Käufer wie Exporteure, Importeure und Handelshäuser, die von einem Entkoffeinierer einen bestimmten Rohkaffee oder schon gemischte Basket Blends entkoffeinieren lassen wollen. Sebastian Gabriel sagte mir, dass der Entkoffeinierer nie „Inhaber der Ware, sondern nur Verarbeiter“ ist.

    Wenn es keine Handelshäuser sind, dann sind es Röstereien. Wir haben das mit der Rancho San Felipe vor ein paar Jahren so gemacht: wir haben das Kaufversprechen für 50 Prozent einer Charge gegeben, sie haben bei Descamex entkoffeinieren lassen, und seitdem haben wir den Kaffee als Sueño im Sortiment.

    Die Chargengröße ist der Flaschenhals

    Damit Descamex den Rohkaffee für die Rancho San Felipe entkoffeinierte, mussten 50 Sack angeliefert werden, also 2.500 Kilogramm. Das ist dort die Mindestgröße. Bei Swiss Water in Vancouver sind es neu 4.560 Kilogramm, bei CR3 rund 3.000.

    Entkoffeinierungsanlage von Descamex in Córdoba, Mexiko

    In der Produktion von Descamex. Die Maschinen sind riesig, der Prozess bleibt unter Verschluss.

    Das führt zu drei Problemen. Erstens braucht ein Handelshaus oder eine Rösterei Kundschaft für rund 3.000 Kilogramm, und dieses Volumen sollte zügig verkauft werden, weil Decaf kürzer lagerfähig ist. Zweitens ist der Prozess ein Blindflug: es gibt keine Möglichkeit, ein Sample kurz zu entkoffeinieren und dann zu entscheiden, ob es sensorisch interessant ist. Die 3.000 Kilogramm sind der Testbatch. Drittens: wenn mindestens 3.000 Kilogramm nötig sind, damit die Anlage läuft, welche Kaffees werden dann prozessiert? Selten die Microlots.

    Wenig komplexe Decafs, weil die Eintrittshürde zu hoch ist

    Mit Piroska Hunyadi von Révélations habe ich gescherzt, dass wir eigentlich eine 60-Kilogramm-Entkoffeinierungsmaschine bräuchten, damit es attraktiv wird, seltene und sensorisch komplexe Kaffees auf Mini-Skala zu entkoffeinieren.

    Das erwähnte Lot aus Panama war also mindestens 3.000 Kilogramm groß, damit Swiss Water es entkoffeinieren konnte. Es gibt nur ganz wenige Produzenten, die 3.000 Kilogramm auf diesem Niveau machen können. Die Eintrittshürde für tolle Kaffees in den Decaf-Markt ist damit viel zu hoch.

    Ich würde so gerne ein 300-Kilogramm-Lot aus Peru entkoffeinieren lassen, weil es ein Kaffee ist, den ich auch abends trinken möchte. Aber es geht nicht, weil zu wenig Kaffee da ist. Sebastian Gabriel dazu: „Skalieren ist ökonomisch halt viel sinnvoller. Entkoffeinieren ist kapitalintensiv und die Sicherheits- und Umweltauflagen sind sehr hoch, was eigentlich nur eine skalierte Produktion rechtfertigt.“

    Somit ist der Decaf-Markt nicht wirklich demokratisch. Solange die Batchgrößen so groß sind, und bei Swiss Water noch größer werden, schaffen es kleinere Lots nicht in den Prozess. Kaffeetrinkende haben da sensorisch das Nachsehen, weil die Auswahl limitiert bleibt.

    Eine krasse Konsolidation

    Wir wissen, dass der Kaffeemarkt stark konsolidiert ist: auf der Seite des Röstkaffees sind eine Handvoll Röstereien für 50 Prozent des angebotenen Kaffees verantwortlich, und auf der Rohkaffee-Seite produzieren die fünf größten Länder mehr als 80 Prozent.

    Auf dem Decaf-Markt sieht es nicht anders aus. Die Möglichkeiten, wo Handelshäuser und Röstereien prozessieren lassen können, sind stark limitiert. Steigender Preisdruck und Effizienzanstrengungen führen dazu, dass die Batch-Größen größer statt kleiner werden.

    Abschließende Gedanken und ein Wunsch

    ★ Stacey Lynden, Swiss Water

    „Decaf-Trinker sind die loyalsten aller Kunden. Wenn wir es schaffen, hochqualitativen Decaf anzubieten, machen wir einen Dienst an unseren besten Kunden.“

    Von einem sensorischen Standpunkt hat sie recht: Decaf-Trinkende trinken Decaf wegen des Geschmacks und des Gefühls, nicht wegen des Koffeins.

    Sie sieht großes Potenzial für noch besseren Decaf, wie auch Sebastian Gabriel. Allen Aussagen gemein ist, dass dabei der Prozess gemeint ist, der möglichst mild ausfallen soll.

    Schauen wir aber auf die Kaffeefarm, dann sieht es anders aus. Die allerwenigsten Produzierenden können Lots von 3.000 Kilogramm oder mehr in sensorischer Höchstqualität produzieren. Und wenn, dann bleibt immer noch der Entscheid des Handelshauses oder der Rösterei, ob dieser Kaffee entkoffeiniert werden soll.

    Diese Unsicherheitsfaktoren führen meines Erachtens dazu, dass sich Röstereien bei der Auswahl von Decaf eher weniger mutig zeigen. Wenn sich Röstereien aber zusammentun und sich für eine gewisse Menge verpflichten, dann können auch sensorisch hochwertigste Kaffees entkoffeiniert werden.

    Mein Wunsch wäre also eine kleine Entkoffeinierungsmaschine, eine, die 60 bis 120 Kilogramm könnte. Der Markt dafür wären kleine Röstereien, die spezielle Kaffees entkoffeinieren möchten.

    Keine Kopfschmerzen und viel mehr Kaffee

    Nach der ersten Woche in meinem Decaf December verschwanden die Kopfschmerzen. Ich stand auf, trank einen Decaf-Filterkaffee und startete gefühlt gleich wach wie sonst in den Tag.

    Ich trank Filterkaffee, als gäbe es kein Morgen. Normalerweise höre ich zur Mitte des Nachmittags auf, damit das Koffein meinen Schlaf nicht beeinträchtigt. Im Decaf December habe ich jeden Abend weiter Kaffee getrunken, weil die Nebenwirkungen keine waren. Mein Bohnenverbrauch stieg um 80 Prozent, natürlich auch, weil ich verschiedene Kaffees ausprobiert habe.

    Mittlerweile ist der Verbrauch zurückgegangen, ich trinke aber weiterhin regelmäßig am Abend Decafs als Filterkaffee. Und etwas ist geblieben: ich verspüre weniger bis gar keine Kopfschmerzen mehr am Morgen. Vielleicht hat es mit der 30-Tage-Abstinenz zu tun, vielleicht nicht. Auf jeden Fall hat sich mir eine neue Welt eröffnet, die ich nicht mehr missen möchte.

    Dazu passt die Forschung

    Die Kopfschmerzen waren keine Einbildung. Die Referenzarbeit zum Koffeinentzug nennt Kopfschmerz bei 50 Prozent der Betroffenen, Beginn 12 bis 24 Stunden nach der letzten Dosis, Höhepunkt nach 20 bis 51 Stunden, Dauer 2 bis 9 Tage. Und die Schwelle liegt bei 100 Milligramm pro Tag, also etwa einer Tasse. Mehr dazu im Artikel über die Wirkung von Koffein.

    Decaf kaufen

    Unsere eigenen vier Kaffees stehen weiter oben, mit Herkunft und Verfahren. Was gerade verfügbar ist, findest du in der Decaf-Sammlung.

    Zum Nachhören und Ansehen

    Folge 74, „Inside Decaf: Forschung, Prozesse und der neue Trend“, mit Meike Holtmann von ANKA und Sebastian Gabriel von CR3.

    Und das Video zum Decaf December:

    Häufige Fragen zu entkoffeiniertem Kaffee

    Ist entkoffeinierter Kaffee wirklich koffeinfrei?

    Nein. In Deutschland und in der Schweiz darf entkoffeinierter Röstkaffee bis zu 0,1 Prozent Koffein der Trockenmasse enthalten. In fertigen Getränken wurden 8,6 bis 13,9 Milligramm pro 473 Milliliter Filterkaffee gemessen und 3 bis 15,8 Milligramm pro Espresso-Shot.

    Wie viel Koffein hat entkoffeinierter Kaffee?

    Nach EFSA-Werten 1,4 bis 3,6 Milligramm pro 125 Milliliter. Eine Messreihe an fertigen Getränken fand 8,6 bis 13,9 Milligramm pro 473 Milliliter Filterkaffee und 3 bis 15,8 Milligramm pro Espresso-Shot. Zum Vergleich: normaler Filterkaffee liegt bei 80 bis 138 Milligramm pro 200 Milliliter.

    Was heißt Decaf?

    Decaf ist die Kurzform von „decaffeinated“, also entkoffeiniert. Auf italienischen Packungen steht „decaffeinato“.

    Schmeckt entkoffeinierter Kaffee anders?

    Meistens ja, weil der Prozess lösliche Verbindungen mit entfernt. Am deutlichsten verändert sich der Körper. Wie stark man das schmeckt, hängt vom Verfahren und vor allem von der Qualität des Rohkaffees ab. Bei sehr charakteristischen Kaffees fällt es kaum auf.

    Kann man entkoffeinierten Kaffee abends trinken?

    Ja. Eine kontrollierte Studie von 2025 fand für 100 Milligramm Koffein selbst vier Stunden vor dem Zubettgehen keinen messbaren Effekt auf den Schlaf. Ein Decaf liegt mit wenigen Milligramm weit darunter.

    Ist entkoffeinierter Kaffee gesund?

    Als Rösterei geben wir dazu keine Empfehlung ab. Belegt ist, dass eine große Auswertung von 2017 für entkoffeinierten Kaffee keine schädlichen Zusammenhänge mit gesundheitlichen Endpunkten fand. Belegt ist auch, dass der akute Blutdruckanstieg nach Kaffee nicht allein am Koffein hängt: entkoffeinierter Espresso erhöhte bei Gelegenheitstrinkenden den systolischen Blutdruck ähnlich stark wie koffeinhaltiger.

    Darf man entkoffeinierten Kaffee in der Schwangerschaft trinken?

    Die EFSA nennt für Schwangere 200 Milligramm Koffein pro Tag als Menge ohne Sicherheitsbedenken. Ein Decaf liegt weit darunter. Ob und wie viel im Einzelfall passt, klärt eine Fachperson und nicht eine Rösterei.

    Welches Entkoffeinierungsverfahren ist das beste?

    Die Frage ist falsch gestellt. Erst kommt der Rohkaffee, dann das Verfahren. Ein hochselektives Verfahren macht aus mittelmäßigem Rohkaffee keinen guten Decaf, aber ein wenig selektives kann einen sehr guten Rohkaffee flach machen.

    Gibt es von Natur aus koffeinfreie Kaffeebohnen?

    Keine, die im Handel eine Rolle spielt. Es gibt Varietäten mit von Natur aus niedrigerem Koffeingehalt (z.B. Laurina), die aber in sehr kleinen Mengen produziert werden. Was du im Regal findest, ist entkoffeinierter Kaffee.

    Warum ist entkoffeinierter Kaffee teurer?

    Weil ein zusätzlicher industrieller Prozessschritt dazukommt, mit Transport in beide Richtungen. Und weil die Mindestchargen hoch sind: 2.500 bis 4.560 Kilogramm, je nach Anlage. Wer kleine Mengen will, zahlt den Aufschlag.

    Wie lange ist entkoffeinierter Kaffee haltbar?

    Kürzer als unbehandelter Kaffee. Der Prozess löst Antioxidantien und macht die Bohne poröser, dadurch dringt Sauerstoff schneller ein. Wir trinken Decafs schon eine Woche nach der Röstung, unbehandelte Kaffees teilweise erst nach drei Wochen.

    Fazit

    Entkoffeinierter Kaffee ist besser geworden, und er ist immer noch schlechter, als er sein könnte. Der Grund liegt nicht in der Chemie, sondern in den Chargengrößen: solange 3.000 Kilogramm die Eintrittshürde sind, kommen die interessanten Microlots viel zu selten in den Prozess.

    Für dich in der Tasse heißt das drei Dinge. Erstens: das Verfahren zählt, aber der Rohkaffee zählt mehr. Zweitens: Decaf altert schneller, kauf kleine Mengen und trink sie frisch. Drittens: gröber mahlen, höher dosieren, kürzer bloomen.

    Unsere entkoffeinierten Kaffees findest du in der Decaf-Sammlung, jeweils mit Angabe des Verfahrens.

    Was denkst du?