Home / Coffee Knowledge / Protest braucht ein Gesicht: Alle gegen LAP, niemand gegen CottiCoffee
    Allgemein
    Protest braucht ein Gesicht: Alle gegen LAP, niemand gegen CottiCoffee

    Protest braucht ein Gesicht: Alle gegen LAP, niemand gegen CottiCoffee

    2025 kulminierte die Kritik an LAP Coffee, einem mit Risikokapital ausgestatteten Startup in Deutschland, das mit seinen Kaffee-Kiosken schnell expandierte und die Preise tief ansetzte. Anfang 2026 trat die chinesische Kaffeekette Cotti Coffee in Deutschland auf, mit noch günstigerem Kaffee und noch größeren Ambitionen. Die Reaktionen blieben weitestgehend analytisch und nicht mehr emotional. Warum stoßen wir uns da, wo es weniger wehtut, viel mehr als da, wo gerade die großen Brüche passieren?

    Berlin, 2023. Zwei Leute aus der Tech-Startup-Szene, VC-Geld im Rücken, öffnen kleine Kaffee-Kioske. Der Cappuccino kostet 2,50 Euro, der Espresso 1,50 Euro. Innerhalb von zwei Jahren öffnen sie 26 Filialen. 19 in Berlin, der Rest in Hamburg und München. Bis Ende 2026 will LAP auf 60 Standorte wachsen.

    Und dann, Ende 2025, passiert etwas Interessantes. Die Läden werden mit Farbe beworfen. Es gab seit dem Start Kritik, aber da kulminierte sie. Die Specialty-Coffee-Szene, Kiez-Vertreter und laute Stimmen laufen Sturm, und fast jede Newsstation berichtet darüber.

    Auch wir wurden angefragt, für Galileo von ProSieben vor die Kamera zu gehen und das LAP-Phänomen zu besprechen. Haben wir gemacht, die Sendung wurde aber nur einmal ausgestrahlt – mehr dazu später.

    Also: Wir haben da LAP Coffee, die mit total tiefen Preisen in den Markt drängen. Ich habe mich Anfang 2024 in einem Podcast dazu geäußert. Ich betonte, wie ich es aus moralischer Perspektive fragwürdig finde, Spezialitätenkaffee so günstig zu verkaufen. Seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergelaufen, die Kaffeepreise sind gestiegen, ich habe mir viele Gedanken gemacht und die Inflation ist massiv zurückgekehrt.

    Ich sah die Logik, warum man sich als Spezialitäten-Café und als Kiez-Café bedroht sehen mag. Denn wir arbeiten seit Jahren daran zu erklären, was Kaffee wert ist. Und dann kommt jemand, drückt den Preis runter, und viele rennen hin.

    Aber dann merkte ich: Spezialitäten-Cafés und Kiez-Cafés sind ja gar nicht die gefährdete Spezies hier – die können sich etwas zurücklehnen.

    Und was ist wirklich schlecht daran, Kaffee günstig anzubieten?

    Denn: Wen sprechen wir mit teurem Kaffee an – und wen eben auch nicht?

    Bei all dem Lärm ging aber unter, dass eine chinesische Kette namens Cotti Coffee in Deutschland gerade durchstartet, die noch günstiger Kaffee anbietet als LAP Coffee, aber der Lärm ausblieb. Deswegen bespreche ich hier das Phänomen LAP und Cotti Coffee, aber vor allem die Irritation, die sie auslösen – oder eben auch nicht – und die Nabelschau einer Branche, die vielleicht besser dran wäre, auf sich selbst zu schauen.

    Die LAP Coffee-Logik

    Das Konzept von LAP Coffee bricht natürlich mit dem, wofür handwerklich zubereiteter Spezialitätenkaffee steht. Wenn Spezialitätenkaffee vor 15 Jahren für Handwerk stand, für ein echtes und einzigartiges Kaffee-Erlebnis, für Gastfreundschaft, für das Spezielle im Kaffee, dann mag das für diese Generation, die Spezialitätenkaffee so kennengelernt hat, immer noch stimmen.

    Links und rechts aber drehen die Dinge weiter, und das hat LAP Coffee gemacht. Alles automatisiert. Super smart haben sie die Pain Points der Gastronomie ausgehebelt. Teuer sind die Personalstunden, langsam ist das Schäumen der Milch, das Beraten, welcher Kaffee für was – das braucht Zeit. Und es gibt wohl kaum Verschwendungspotenzial, weder beim Kaffee noch bei der Milch, weil alles automatisiert ist.

    Das steht natürlich diametral dem gegenüber, was Spezialitätenkaffee über Jahrzehnte geprägt hat. Natürlich müssen Cafés, die auf hochwertigen Kaffee setzen, auch hart und präzise rechnen, um überhaupt langfristig erfolgreich zu sein, aber Automatik beißt sich bei vielen mit dem Handwerklichen. Das handwerkliche Element bringt LAP aber rein, indem 19grams die Röstung macht.

    Wir haben den Kaffee von LAP Coffee verkostet. Es ist ein mittel-dunkel bis dunkel gerösteter Kaffee von einer größeren Farm in Brasilien. Nicht fancy, nicht wiedererkennbar, aber eine absolut solide Wahl, um Konsumenten da abzuholen, wo sie sind. Aber eben: geröstet von einem lokalen Röster, der für Spezialitätenkaffee steht.

    Die Kritik an LAP Coffee

    Die Stimmung kippte im Frühjahr 2025. Es versammelte sich Kritik an LAP und das Gentrifizierungs-Gespenst machte die Runde. Ich konnte das vom Ohrensessel aus Basel alles mitverfolgen und verstand die Logik, aber dachte dann auch, dass LAP ja nullkommanull das abbildet, was Cafés mit sensorischem Anspruch oder der Idee, eine physische Community aufzubauen, zu tun haben.

    Die Betonung liegt auf physisch, denn die ganze Kritik und Aufmerksamkeit an LAP verhalf der Social-Media-Seite von LAP zu richtig viel Traffic. Als dann Cafés mit Farbbeuteln beschmiert wurden, fühlte ich mich zurückversetzt an die Zeiten, als ich im Gymnasium an einer Anti-WEF-Demo war, aber nicht genau wusste, was ich da eigentlich mache.

    Die Kritik ging auch darauf, dass LAP nur Daten möchte. Ja klar, das ist bei jeder KI heute so und für alle, die Kreditkarten benutzen, seit Jahrzehnten so. Für mich ist LAP eher der real gewordene Lifestyle, der primär durch die sozialen Medien porträtiert wird, aber wenig mit Realität zu tun hat.

    Wir bei Galileo

    Und weil dann gefühlt alle Medien berichteten, kam dann auch eine Produktionsfirma auf uns zu, die für Galileo produziert. Wir haben im November 2025 einen Tag lang gefilmt, gesprochen und Kaffee getrunken. Das war echt interessant, zu sehen, was alles an Arbeit in einem 14-Minuten-Beitrag steckt. Wir haben vorgerechnet, wer was am Kaffee verdient. Die Sendung wurde dann ausgestrahlt und ich fand sie echt ausgewogen, die Reporterin hat die richtigen Fragen gestellt und verschiedene Positionen abgebildet.

    Leider war aber die Tonspur bei einem der Interviewpartner so schlecht, dass ProSieben das Video wieder vom Netz genommen hat.

    Wer Angst vor LAP Coffee haben sollte

    Jedenfalls haben wir die Causa LAP dann aus unserer Perspektive kontextualisiert. Als Kaffee-Unternehmen, das nicht in Berlin ansässig ist, Gastronomien betreibt und Kaffee röstet. Unser Fazit war:

    LAP ist nicht die Konkurrenz für Kiez-Kaffees, LAP ist Konkurrenz für Starbucks und Co. Die Ketten haben auch alles vollautomatisch gemacht, aber deutlich höhere Preise für ihre Kaffeegetränke angesetzt.

    Und da zielt LAP Coffee drauf ab. Da, wo alles automatisch ist. Und da, wo am Schluss Brands gegen Brands kämpfen.

    Ein Kiez-Café ist kein Brand, das ist ein sozialer Ort. Die einen sagen, dass man hier David gegen Goliath sehe. Ich finde, der Vergleich hinkt – verschiedene Konzepte treffen auf verschiedene Adressaten. Und wenn sich jemand bedroht fühlen muss, dann die Ketten: Starbucks, McCafé etc. Vor allem dann, wenn die neuen Outlets an gut frequentierten Orten eröffnet werden.

    Und vor diesem Hintergrund kommt jetzt ein neuer Player. Einer, der viel größer ist als LAP, einer, der günstiger ist als LAP, einer, der noch mehr finanziert ist als LAP, einer, der weltweit agieren möchte: Auf die Bühne kommt Cotti Coffee. Aus China.

    Anfang 2026 kommt die große Kette aus China, gleichzeitig gestartet in Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Und Cotti ist sogar noch günstiger als LAP via App-Bestellung. Cotti funktioniert über Franchising – also das Modell, das McDonald's überhaupt so schnell so groß machen konnte.

    Wer einfach nur Wachstum im Sinn hat, der braucht ja Unmengen an Kaffee. Also lasst uns mal auf den Kaffee schauen: Woher beziehen LAP und Cotti ihren Rohkaffee?

    Woher beziehen LAP und Cotti Coffee ihren Kaffee?

    Wir wissen, dass Kaffee nicht unendlich verfügbar ist, weil er auf endlicher Fläche angepflanzt wird. Die LAP- und Cotti-Konzepte drücken aber unendliche Skalierbarkeit aus. LAP bezieht Kaffee von 19grams in Berlin, die wiederum von einer größeren Farm in Brasilien kaufen. Solider Kaffee, solide Farm, solide Röstung – ich habe den Kaffee probiert bei unserem Galileo-Dreh. Der Kaffee ist Spezialitätenkaffee per Definition, weil er über 80 Punkte hat, aber das heißt ja heute echt nicht mehr viel.

    Es ist ein gleichbleibendes Geschmacksbild, weil es eine große Farm ist, die viel Volumen produziert, effizient, und so günstig bleiben kann. Und: Weil es kein „crazy" Kaffeeprofil ist, macht es das einerseits einfacher, viele Leute zu erreichen, andererseits auch einfacher zu wachsen und gleichbleibenden Geschmack garantieren zu können. LAP ist da – noch – sehr lokal orientiert, muss sich aber irgendwann auch einen anderen Röster suchen, wenn sie international expandieren wollen.

    Und Cotti Coffee?

    Die haben ja jetzt schon knapp 20.000 Filialen in 28 Ländern. Jetzt ist auch Deutschland dran. Witzig ist ja, dass die Gründer ehemalige Luckin-Coffee-Leute sind. Während LAP also noch ein Zwerg ist gegenüber Cotti und den Kaffee in Berlin rösten lässt, hat Cotti Coffee ihre eigene Sourcing- und Produktionsstrategie.

    In der Provinz Anhui im Osten Chinas hat Cotti nicht nur die eigene Rösterei, sondern auch eine eigene Sourcing-Strategie, die alle anderen Röstereien dieser Welt in den Schatten stellt. Denn Cotti kauft nicht einfach nur Rohkaffee, sie setzen bei der Beschaffung auf direkte Abkommen mit Regierungen und großen Erzeugergemeinschaften.

    In Uganda zum Beispiel gibt es einen gut dokumentierten Deal mit dem Landwirtschaftsministerium, um ugandischen Kaffee großflächig nach China zu exportieren. Dieser Deal zielt darauf ab, Uganda als die führende afrikanische Kaffeemarke in Asien zu positionieren. Dabei werden spezifische Regionen wie Bugisu für Arabica-Bohnen und das Victoriasee-Becken für Robusta-Bohnen fokussiert. Zusätzlich bereitet Cotti den Aufbau eigener Lieferkettenbasen in Südamerika, Äthiopien und Vietnam vor, um die Versorgung seiner Filialen weltweit sicherzustellen.

    Ihr seht: andere Maßstäbe, andere Märkte – und plötzlich wirkt LAP wie ein Zwerg. Ich habe anfangs gesagt, dass ein Vergleich LAP zu Kiezkafé irgendwie wenig Vergleichbarkeit bietet. Fairerweise muss ich gestehen, dass der Vergleich LAP zu Cotti ebenso wenig Vergleichbarkeit bietet – außer, und das ist mir wichtig: Die rollen ihr Konzept so richtig groß aus, in vielen Städten, an vielen neuralgischen Punkten, und noch günstiger als LAP. Und wenn der Preis einer der Hauptkritikpunkte ist, müssen wir hier vergleichen.

    Wo bleibt die Kritik an Cotti Coffee?

    Die Reaktion auf Cotti ist viel analytischer als emotional. Es gibt keinen Aufschrei auf Social Media, oder ich sehe ihn nicht. Andere Medien berichten – solche, die unendliche Skalierbarkeit favorisieren, aber viel weniger die Tagesmedien. Ich habe das bei Arne von Coffeeness aufgenommen, der bei Cotti Coffee Kaffee getrunken hat und es sensorisch nicht sonderlich interessant fand. Arne meinte eben auch: Wo denn die Kritik bei Cotti blieb? Danke für diese Vorlage, ich reite da mal drauf rum.

    Cotti macht dasselbe wie LAP, nur größer, und niemand beschmiert die Läden. Denn: Protest braucht ein Gesicht.

    Als ich in der Schule war, wurden McDonald's-Filialen am 1. Mai zerstört. Dann auch Banken wie die UBS und Rohstofffirmen. McDonald's war das – wenn auch nicht persönliche – Gesicht für die unheilvolle Globalisierung. Heute sehe ich das fast nicht mehr. Globalisierung ist komplex, das Wort ist aus der Mode für Kritik gekommen, und die Themen haben sich verschoben.

    Heute ist Protest konkreter. Farbanschläge auf Firma X, weil sie Öl aus Russland kauft, oder medialer Protest bei Oatly, weil BlackRock da als Investor eingestiegen ist. Protest braucht ein Gesicht, damit er verfängt. Und LAP ist deswegen einfach angreifbar. Ein Gründer mit Red-Bull-Vergangenheit und Schaufenster da, wo vorher kleine Läden waren – so einen kann man so richtig an den Pranger stellen. Cotti hingegen: wer ist denn das? Gibt es da ein Gesicht? Gibt es da eine Gründer-Story? Es ist ein Name, mehr nicht. Selbst Starbucks mit Howard Schultz und heute mit dem Ex-Chipotle-CEO ist noch viel mehr personenzentriert. Im Windschatten kommt Cotti, rollt mal 20.000 Filialen in vier Jahren aus und ist komplett anonym unterwegs.

    Was ist der „richtige" Preis für eine Tasse Kaffee?

    Beim Preis für eine Tasse Kaffee scheint es mir, dass wir ein total lokal geprägtes Verständnis und eine massive Unbelehrbarkeit haben.

    Denn wenn wir uns empören, dass 1,50 Euro zu wenig für einen Espresso sind, dann haben wir ja einen „richtigen" Preis oder zumindest ein Preisband im Kopf. 1,50 Euro in Italien sind hingegen in der Breite akzeptiert.

    Ebenso gibt es Empörung, wenn Espresso zu teuer ist, dann ist es ein hochtrabendes Specialty- und Hipster-Café-Produkt. Es gibt in unseren Köpfen also ein unsichtbares Preisband. Und das sehe ich auch bei Specialty-Bier, Sauerteigbrot, Wein und Kleidern. Nicht zu tief, nicht zu hoch. Wer sich an höhere Kaffeepreise gewöhnt hat, kann tiefe Preise als Raubtier-Ansatz verstehen. Wer ohnehin günstigen Kaffee trinkt oder nur trinken kann, der findet LAP und Cotti nicht bedrohlich.

    Und zu guter Letzt zum sozialen Raum. Der „Third Space" – der Ort, wo man sitzt, Kaffee trinkt und nicht zu Hause oder auf der Arbeit ist, also soziale Interaktion stattfindet – dieses Konzept bricht weg. Die großen Sofas sind nicht mehr in Coffee Shops zu finden, das war in den Nullerjahren. Heute sehen wir vollautomatisierte Prozesse und vollautomatisierte Maschinen. Insofern sind LAP, Cotti usw. nur noch Antworten auf eine Realität und Nachfrage, die wir selbst erzeugen.

    Ich habe zu Beginn gesagt, dass die Kaffeebranche gut daran täte, etwas weniger Nabelschau zu betreiben. Sonst lamentieren wir dann irgendwann wie die anderen Gastronomen, die sich beklagen, dass heute weniger Alkohol konsumiert und geraucht wird und das als Problem darstellen. Wenn ich von Cafés höre, die sagen, dass weniger Kaffee und mehr Matcha getrunken wird, dann stimmt das wohl punktuell und ist ja zuerst mal ein Auftrag, das Angebot anzupassen. Oder halt eben auch nicht – und dann so sein Profil zu schärfen.

    Die Kaffeewelt mit all ihren Facetten dreht echt schnell. Und sie ist heute nicht mehr nur Handwerk. Wir selbst werden immer digitaler und testen in den Cafés gerade auch einen vollautomatischen Milchschäumer. Romantik hat der Branche noch nie gut getan. Höchste Zeit also, scheinbar Selbstverständliches nochmals zu hinterfragen.

    What do you think?