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    Machen Spekulanten den Kaffeepreis?

    Machen Spekulanten den Kaffeepreis?

    Im Herbst 2024 stieg der Kaffeepreis auf Rekordhöhen und blieb im ganzen 2025 so hoch wie nie zuvor. Warum eigentlich? Ich habe dazu zwei Videos gemacht und den Ursprung in der schlechten Ernte Brasiliens gesehen, erst danach in der exzessiven Spekulation. (Video von Januar 2025) und ein Update im November 2025.

    Dazwischen habe ich immer wieder gelesen und gehört, dass dieser beispiellose Anstieg das direkte Produkt der Rohstoffspekulation sei und viele der starken Schwankungen nicht rational erklärbar seien.

    Die ganzen Bewegungen “der Spekulation” zuzuordnen, war mir zu wenig überzeugend und vor allem nicht präzise. Bis dahin fühlte ich das Wort mehr, als ich es verstanden hätte. Ich wollte also mehr wissen und begab mich auf eine intensive Lernreise.


    Ich habe am Anfang dieser Lernreise eigentlich nur eine Frage gehabt:

    • Wer macht den Kaffeepreis?
    • Und warum bewegt er sich manchmal so stark nach oben oder unten, und das sogar innerhalb eines Tages? 

    Ich wollte wissen, ob es wirklich stimmt, was man immer wieder hört: Dass Spekulation die Preise verzerrt. Dass Investoren den Markt treiben. Dass Spekulation der Katalysator von Aufwärts- oder Abwärtsbewegungen ist.

    Und ich wollte auch wissen, ob wir uns das Leben schwerer machen, als es sein müsste. Ob die Vorstellung stimmt, dass „die Spekulanten“ schuld sind. Oder ob wir uns mit dieser Vorstellung nur davor drücken, ein komplizierteres System zu verstehen.

    “Die Spekulation ist schuld!”

    Seit dem Preisanstieg von Rohkaffee an der Börse (dem sog. C-Market) im November 2024, habe ich mich so intensiv mit der Thematik befasst wie noch nie in meiner Kaffee-Laufbahn. Zuerst ging es mir um ein Verständnis, was da genau alles passiert, wie wir uns als Kaffeerösterei orientieren, was das für Produzenten bedeutet und wie wir zusammen eine Vision entwickeln.

    Und irgendwann hörte ich immer mehr, dass dies alles nur das Werk “der Spekulanten” sei. Als der Lavazza-Chef im Sommer 2025 sagte, dass 80% der Bewegung von Hedgefonds kämen, nickte ich zuerst, wurde dann aber skeptisch – und vor allem neugierig. “Spekulation” erklärt ja erst mal gar nichts, es schürt eher Gefühle.

    „Spekulation dient Vielen dann als Erklärungsansatz, wenn Erklärungsnotstand herrscht.

    Also habe ich mich hingesetzt, zugehört, nachgefragt. Bei Leuten, die Kaffee handeln. Bei Leuten, die Kaffee produzieren. Und bei Analystinnen, die seit Jahrzehnten Rohstoffmärkte beobachten. 

    Je tiefer ich kam, desto klarer wurde: Es gibt keine einfache Geschichte. Aber es gibt viele Schichten.

    Was ist Spekulation? Von Futures, Shorts und Longs

    Ich wollte die Mechanik hinter der Kaffeepreisbildung und der Spekulation auf Kaffee verstehen. Also habe ich mit Heinz Zimmermann gesprochen, emeritierter Professor für Finanzmarkttheorie in Basel. Er sagte einen Satz, der mich später immer wieder begleitet hat:

    „Spekulation ist nicht das Problem. Exzessive Spekulation ist das Problem.“

    Heinz Zimmermann Profilbild
    Heinz Zimmermann

    Denn: Spekulation erfüllt eine Funktion. Sie ist Teil der Gegenseite der Produzenten, die Futures verkaufen, um ihre Preise gegen unten (tiefere Preise) abzusichern (zu hedgen).

    Ein Beispiel: 

    Wenn zwölf Produzenten ihre Ernte absichern wollen und Futures (ein Future ist ein Vertrag, der festlegt, dass jemand in der Zukunft eine bestimmte Menge Kaffee zu einem bestimmten Preis kaufen oder verkaufen muss) verkaufen, aber nur drei Röster kaufen wollen, dann entsteht ein Ungleichgewicht. Diese Lücke füllen Spekulanten. Oder wie Heinz Zimmermann sagt: „Produzenten wollen Risiko loswerden. Spekulanten nehmen Risiko.“

    Wenn Produzenten viel hedgen (sich gegen sinkende Preise absichern) und Futures verkaufen, entstehen mehr offene Positionen. Und diese müssen gekauft werden. Das können sogenannte commercial actors sein, also Händler oder Röster. Wenn diese aber nicht kaufen, dann treten Spekulanten an ihre Stelle. In der Börsensprache gehen sie jetzt long, während die sich absichernden Produzenten short gehen.

    Damit hier eine Balance herrscht, dass der Markt überhaupt funktioniert, müssen die Angebote von Nachfragen gedeckt werden. Und diese offenen Positionen übernehmen dann eben Spekulanten. 

    Wie verdienen Spekulanten Geld?

    Das Interesse von Spekulanten ist rein monetärer Natur. Bei ihnen geht es nicht um das physische Produkt Kaffee, sondern darum, finanziellen Gewinn zu machen. 

    Dieser Gewinn kommt zustande, wenn es Veränderungen im Kaffeemarkt gibt. Ob die Preise nach oben oder unten gehen, ist sekundär: der Gewinn resultiert aus der Veränderung des Preises. 

    Wer zu einem tieferen Preis kauft und höher verkauft, macht Gewinn, wie auch jemand, der fallende Preise erwartet. Dann gehen Spekulanten short, verkaufen einen Future zu einem hohen Preis, den sie noch gar nicht besitzen. 

    Fällt der Preis später, kaufen sie den Future günstiger zurück. Auch hier ist die Differenz der Gewinn.

    Diese Bewegung, oder Volatilität, ist das Magnet für Spekulanten. Zu viel Volatilität aber sei auch für sie nicht attraktiv, sagte mir Judy Ganes.

    Wenn Spekulation zu viel wird: die exzessive Spekulation

    Ich wollte von Judy Ganes wissen, wer denn überhaupt da spekuliert? Judy Ganes war länger an der Wall Street tätig, verfolgt die Rohstoffmärkte seit Jahrzehnten und sagt:

    „Speculators are the scapegoat. Always.“

    Judy Ganes Profilbild

    Judy Ganes

    Sie glaubt nicht an die These, dass private Investmentfonds den Markt kaputtmachen. Sie sagt, Spekulanten verstärken Bewegungen, aber sie erfinden sie nicht. Alles beginne im Cash Market, in der physischen Realität.

    Exkurs: der Cash Market: Hier wird echter, physisch verfügbarer Rohkaffee gehandelt. Im Gegensatz zum Futures-Markt geht es im Cash Market um sofortige Lieferung und die tatsächliche Nachfrage heute, nicht in der Zukunft.

    Judith erklärt weiter, dass die Spekulation eine Verstärkung schon bestehender Trends sein kann. Und gleichzeitig sehe ich mit Heinz Zimmermanns Brille: Verstärkung ist nicht harmlos. Verstärkung kann mehr kaputtmachen als der Auslöser selbst.

    Wenn ein Frost droht, ist das ein sogenannter fundamentaler Faktor. Wenn aber dadurch innerhalb von Minuten Milliarden in den Markt fließen, weil Algorithmen eine Korrelation erkennen, dann hat der Markt nicht nur reagiert, sondern überreagiert.

    Heinz formuliert es nüchtern: „Die Volatilität ist höher als das, was fundamental notwendig wäre.“ Und das ist der Punkt, an dem aus Spekulation exzessive Spekulation wird.

    Wie sich Volatilität im Kaffee-Ursprung anfühlt

    César Marin leitet eine Farm in Peru
    César Marin

    Volatilität, der sich dauernd ändernde Zustand, ist zu einem gewissen Teil interessant für Spekulanten auf der einen Seite. Röstereien werden zaghaft beim Einkauf, denn eine kleine Preisverschiebung kann einen großen Einfluss auf die Auftragsvergabe für einen Kunden haben. Für Produzenten wiederum ist die Volatilität eine Nerven- und Zerreißprobe.

    Der Kaffee wird bald oder wurde gerade geerntet. Aber zu welchem Preis verkaufe ich als Produzent den Kaffee jetzt? Besser gesagt: Wann verkaufe ich ihn, wenn sich der Preis konstant ändert? Und wer kauft ihn wann? 

    Viele Produzenten waren in den letzten Monaten bereit, Kaffee zu verkaufen, aber die Käufer wollten nicht kaufen. So kam es, berichtet César Marin im Podcast, dass Produzenten auch zwei Ernten bei sich hatten und warteten, bis jemand ihren Kaffee abkaufen würde. 

    Auch sagt César, dass der Kaffeepreis darüber entscheide, ob ein Produzent in Peru seine Ernte finanzieren kann. Er entscheide darüber, ob eine Kooperative loyale Mitglieder verliert oder eine ganze Region neue Käufer bekommt, die mit Bargeld auftauchen, das niemand erwartet hat. 

    Migue leitet die Projekte von Ensambles in ganz Mexiko leitet

    Miguel Guevara

    Die hohe Volatilität ist für alle Beteiligten auf der Kaffeekette schwierig, weil es keine langfristige Planung ohne viel Risiko erlaubt. 

    Miguel Guevara von unseren Partnern bei Ensambles in Mexiko schätzt die Situation für Kleinstproduzenten so ein:

    „La gente de cereza se la pasa revisando diario la bolsa.“

    Die Produzenten, die Kaffee in Kirschen verkaufen, schauen jeden Tag auf den New Yorker Kaffeepreis. “Jeden Tag.” Produzenten, die ihren Kaffee im Parchment/Pergamino verkaufen, leben dagegen in einer anderen Zeitachse. Dort werden Preise langsamer angepasst, die Volatilität kommt gedämpft an. “Aber sie kommt immer.”

    eine Hand mit Parchment

    Die exzessive Spekulation und die daraus hervorgehende Volatilität verändert also nicht nur die Makroebene und den C-Price rasant, sie verändert das Tempo in dem Menschen vor Ort Entscheidungen treffen. Aber vor allem schafft sie Unsicherheit: Ob Produzenten heute verkaufen oder morgen und ob sie einer Kooperative treu bleiben oder nicht. 

    Und das ist ein krasser Kontrast: 

    Auf der einen Seite haben wir Marktteilnehmer, die kurzfristige Entscheidungen am Bildschirm treffen, deren Effekt aber Tausende Kilometer weit weg in Kaffeeländern betrifft. Frappant ist dabei, dass ein Entscheid am Bildschirm schnell gefällt ist, Landwirtschaft aber langsam ist. Bis ein Kaffeebaum überhaupt Früchte trägt, dauert es drei Jahre. Da stehen sich also zwei komplett verschiedene Welten gegenüber, werden aber durch den Kaffeemarkt verbunden.

    „Der Kaffee wartet nicht”

    Einer der Sätze, die mir auf dieser Reise hängen geblieben ist, kam vom Produzenten und Freund César Marin aus Peru. Er sagte: „El café no espera.“ Der Kaffee wartet nicht.

    Als ich das hörte, wusste ich noch nicht, wie zentral dieser Satz werden würde. Aber er stand plötzlich stellvertretend für alles, was im Kaffeemarkt passieren kann, wenn die Preise in kürzester Zeit steigen oder fallen.

    César erzählte mir, wie es in seiner Region um Villa Rica 2025 war. Die Ernte war da, die Kaffeekirschen waren reif, aber niemand wollte kaufen.

    „Es gab Kaffee,“ sagt er. „Aber niemand kaufte Kaffee.“

    Produzenten haben zwar gepflückt und Kaffee aufbereitet, aber es gab keine Aufkäufer, weil die Sammelstellen in der Region geschlossen waren. Und da war also diese Patt-Situation: Die Verkäufer (die Produzenten) wollten Kaffee verkaufen, da die Preise hoch waren. Die Einkäufer (z. B. die Sammelstellen) wollten keinen Kaffee kaufen, weil ihnen der Preis zu hoch war.

    Gleichzeitig tauchten plötzlich neue Käufer auf, von denen niemand wusste, wen sie vertreten. Sammelstellen, die 450 bis 470 cts/lb pro Pfund Pergamino zahlten - das waren nie zuvor gesehene Preise. César sagt: „Ich glaube, dass dies Firmen aus Kolumbien, Honduras und Brasilien waren.” Firmen also, die selbst zu wenig Kaffee aus ihren Märkten kaufen konnten und deswegen nach Peru kamen, um ihre Nachfrage zu decken.

    Warum die Industrie nicht nur zusehen kann

    Ich habe auch mit Leuten gesprochen, die Kaffee in großen Mengen einkaufen: dem Einkaufsleiter eines großen europäischen Retailers, wie auch dem Rohkaffee-Einkäufer von einer der größten Röstereien Europas. Wenn es um Mengen geht, ist der Hebel nach unten und oben größer. 

    “Volatilität kann dir die Buchhaltung zerstören“ sagt der Einkaufsleiter. 

    “Wenn du 20.000 Tonnen Kaffee einkaufst und der Preis in kurzer Zeit um zwanzig oder dreißig Cent schwankt, dann sind das Millionenbeträge.” Der Rohkaffee-Einkäufer bestätigt diese Aussage:

    „Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Aber das Problem ist nicht der Preis. Das Problem ist die Geschwindigkeit.“

    Er machte mir dieses Beispiel: Wenn Mitbewerber A einen Vertrag für Rohkaffee bei 4,25 USD/lb macht (ca. 9,37 USD/kg) und Mitbewerber B bei 4,10 USD/lb ( kauft und der Konkurrent bei 4.00 USD/lb (ca. 9,04 USD/kg), dann entscheidet das über die Wettbewerbsfähigkeit und damit über die Vergabe von Aufträgen.

    Die Industrie versuche, sich anzupassen. Der Einkauf sitze nun viel enger mit dem Verkauf und der Finance-Abteilung zusammen. Und auch der Kunde selbst wird mit in die Planung aufgenommen. 

    Die starken Schwankungen und die hohen Preise haben dafür gesorgt, dass so viel Geld im Markt ist, wie nie zuvor. Auch Händler kommen an ihre Grenzen, da sie in ihrer kaufmännischen Funktion Kaffee zuerst ein- und später verkaufen. Das Geld dazu leihen auch sie. Die Geldmengen haben seit November 2024 massiv zugenommen. Dazu äußert sich auch David Neumann in dieser Podcast-Folge

    Warum Spekulation notwendig ist — aber gleichzeitig gefährlich bleibt

    Nach dieser langen Reise stehe ich nicht da und sage: Spekulation ist das Problem. Ich sage aber: Exzessive Spekulation ist ein Problem. Und ein ernstes noch dazu.

    Spekulation ist notwendig, damit Produzenten ihre Preise absichern können. Ohne Spekulanten gäbe es keinen funktionierenden Terminmarkt. Aber wenn die Kapitalzuflüsse zu groß werden, wenn Modelle blind Trends verstärken, wenn Liquidität nicht stabilisiert, sondern beschleunigt, dann werden Produzenten, Händler, Kooperativen und auch Röster zu Statisten eines Marktes, der sich schneller bewegt als jede reale Entscheidung.

    Es wird oft gesagt, dass der Markt immer recht hätte. Ich würde sagen: Der Markt hat immer ein Ergebnis. Aber ob er recht hat, zeigt sich erst später.

    Und dieses „später“ ist oft die nächste Ernte.

    Was denkst du?