Sobald die Temperaturen steigen, taucht dieselbe Frage wieder auf: Wie macht man eigentlich richtig guten kalten Kaffee? Cold Brew ist die Antwort, die seit Jahren durch jedes Café und Wohnzimmer schwappt. Kalt aufgegossen, stundenlang gezogen, angeblich magenfreundlicher und stärker als alles andere. Vieles davon stimmt. Einiges davon ist Marketing, das einer Überprüfung nicht standhält.
Wir zeigen dir, wie Cold Brew funktioniert, was die Wissenschaft wirklich über Säure und Koffein sagt, und wie du mit einfachem Equipment ein Ergebnis bekommst, das den fertig gekauften Flaschen klar überlegen ist. Am Ende warten außerdem zwölf Rezepte von Kaffeeprofis aus dem deutschsprachigen Raum.
Was ist Cold Brew?
Cold Brew ist Kaffee, der mit kaltem Wasser über viele Stunden extrahiert wird. Es wird ohne heißes Wasser aufgegossen und mit wenig Verwirbelung gearbeitet. Das Kaffeepulver liegt einfach über 12 bis 24 Stunden im kalten Wasser und gibt seine löslichen Stoffe langsam ab. Es ist eine reine Immersionsmethode, ähnlich der French Press, nur eben kalt und sehr viel langsamer.
Davon abgrenzen muss man zwei Dinge, die oft durcheinandergehen:
Cold Drip ist nicht dasselbe. Hier tropft kaltes Wasser langsam durch ein Kaffeebett, statt dass der Kaffee im Wasser badet. Das ergibt ein anderes, oft klareres Profil und ein konzentrierteres Ergebnis, braucht aber spezielles Equipment.
Flash Brew (auch Japanese Iced Coffee genannt) ist überhaupt kein Cold Brew. Dabei wird heiß über Eis gebrüht, der Kaffee also normal heiß extrahiert und sofort abgekühlt. Ein wichtiger Unterschied, auf den wir zurückkommen, weil er für die Tasse einen großen Geschmacksunterschied macht.
Macht kaltes Wasser den Kaffee wirklich weniger sauer?
Das ist das hartnäckigste Versprechen rund um Cold Brew. Und es ist komplizierter als gedacht. Eine viel beachtete Studie der Thomas Jefferson University hat heiße und kalte Brühungen derselben Kaffees direkt verglichen. Das Ergebnis: Der gemessene pH-Wert lag bei beiden Methoden praktisch gleich, im Bereich von etwa 4,85 bis 5,13. Cold Brew ist also nicht grundsätzlich säurearm, jedenfalls nicht beim pH.
Was die Forschenden aber fanden: Heiß gebrühter Kaffee enthält mehr titrierbare Säuren. Es sind also mehr Säuremoleküle im Spiel, die die Zunge wahrnimmt, auch wenn der pH ähnlich ist. Genau hier liegt die ehrliche Erklärung. Cold Brew schmeckt für viele weicher und runder, weil bei niedriger Temperatur bestimmte Säuren und Bitterstoffe schlechter herausgelöst werden. Es ist eine Frage der wahrgenommenen Säure, nicht eines dramatisch niedrigeren pH.

Flash Iced Coffee direkt über Eis gebrühter Filterkaffee. Die Eis-Cubes werden als "Bypass" gerechnet.
Hat Cold Brew mehr Koffein?
Auch das hört man ständig: Cold Brew sei eine Koffeinbombe, zwei- bis dreimal so stark. Eine Studie aus dem Jahr 2017 hat sich die Einflussgrößen Zeit, Röstgrad und Mahlgrad angesehen. Die kurze Antwort: Es kommt darauf an, und das pauschale Vielfache stimmt nicht.
Der Koffeingehalt hängt stark vom Röstgrad und Mahlgrad ab, und vor allem davon, in welchem Verhältnis gebrüht wird. Cold Brew wird oft als Konzentrat angesetzt, mit viel Kaffee auf wenig Wasser. Wer dieses Konzentrat pur trinkt, bekommt entsprechend viel Koffein. Verdünnt man es vor dem Trinken, was der Normalfall ist, relativiert sich das schnell. Die hohe Stärke kommt also meist vom Brühverhältnis, nicht von einer magischen Eigenschaft des kalten Wassers.
Antioxidantien, der zweite gern genannte Gesundheitsaspekt, verhalten sich ähnlich nüchtern: Bei heller Röstung ist der Gehalt in heiß und kalt etwa gleich, bei dunkler Röstung extrahiert die heiße Methode sogar mehr.
Cold Brew Grundrezept Schritt für Schritt
Das Schöne an Cold Brew: Du brauchst kein Spezialgerät. Eine French Press reicht völlig, weil sie Immersionsgefäß und Filter in einem ist. Alternativ ein großes Glas oder eine Kanne und ein Handfilter zum Abseihen.

Cold Brew im Kühlschrank angesetzt für 20 Stunden.
Die Parameter im Detail
Cold Brew verzeiht viel, aber wer ein wirklich gutes Ergebnis will, dreht an vier Stellschrauben. Die wichtigste ist der Mahlgrad: Über die lange Kontaktzeit ist er der größte Hebel für Stärke und Klarheit. Danach kommen Verhältnis, Ziehzeit und das Wasser.
| Parameter | Praxiswert | Wirkung |
|---|---|---|
| Mahlgrad | grob (wie French Press) | Größter Hebel für Klarheit und Stärke, verhindert Bitterkeit |
| Verhältnis | 1:10 bis 1:13 trinkfertig, ab 1:8 als Konzentrat | Bestimmt die Stärke; Konzentrat wird verdünnt getrunken |
| Ziehzeit | 12–16 h, maximal 24 h | Länger bringt kaum mehr Extraktion, aber mehr Bitterkeit |
| Wasser | kalt, weich | Weiches Wasser hält den Kaffee klar und ausgewogen |
Wie stark das Endgetränk wirklich ist, lässt sich über die gelösten Feststoffe einordnen. Cold Brew liegt hier oft höher als Filterkaffee, gerade als Konzentrat. Genau deshalb wird er meist verdünnt getrunken.
Weil der Mahlgrad die zentrale Stellschraube ist, hilft eine Referenz. Grün markiert sind die passenden Zubereitungen, die Balken darunter zeigen die Einstellwerte unserer Handmühlen. Cold Brew liegt ganz rechts im groben Bereich.
Von extra fein bis extra grob – in Mikrometern (µm), mit den passenden Zubereitungen und den Einstellwerten unserer Handmühlen ab dem Nullpunkt. Cold Brew liegt ganz rechts im groben Bereich.
© Kaffeemacher:innen · kaffeemacher.ch · kaffeemacher.de. Mühlenwerte aus eigenen Messungen (Comandante) bzw. kaffeemacher.ch (C5); Slim 3 & Kinu ca. Micron-Bereiche zur Orientierung.
Cold Brew oder lieber Flash Iced Coffee?
Hier wird es interessant, und hier trauen sich die meisten Ratgeber nicht hin. Cold Brew ist nicht automatisch die beste Art, kalten Kaffee zu machen. Die kalte Extraktion holt zwar weniger Bitterstoffe heraus, aber eben auch weniger von den feinen, fruchtigen und floralen Aromen, die einen guten Spezialitätenkaffee ausmachen. Wer einen hellen, komplexen Kaffee hat, verschenkt mit Cold Brew oft genau das, wofür er bezahlt hat.
Die Alternative heißt Flash Brew oder Japanese Iced Coffee: heiß über Eis gebrüht. Die heiße Extraktion bringt die volle Aromenvielfalt, das Eis fixiert sie sofort. Das Ergebnis ist klarer, lebendiger und fruchtiger, allerdings auch weniger lange haltbar. Beim Flash Brew wiegst du einfach deine Eiswürfel und passt die Brühmenge an: zum Beispiel direkt 150 g Eiswürfel in die Kanne, dann per V60 150 g Wasser auf 30 g Kaffee brühen. Wichtig ist, langsam zu brühen, aber mit viel Verwirbelung, damit du mit dem wenigen Wasser trotzdem eine hohe Extraktion erreichst.
„Ein interessanter Mittelweg: ein Drittel des Brühwassers heiß aufgeben. Dann die restlichen zwei Drittel kalt aufgeben und anschließend acht Stunden in den Kühlschrank. So werden die verschiedenen Welten vereint. Wir extrahieren zunächst die Komponenten, die sich nur mit heißem Wasser lösen lassen. Anschließend setzen wir gezielt auf die Stärke der langsamen Extraktion. Das Ergebnis ist ein komplexerer Kaffee, der Säure, Lebendigkeit und die typischen tieferen, dunkleren Noten in sich vereint."
Klarheit, Filtern und Haltbarkeit
Wie klar dein Cold Brew wird, entscheidet die Filtration. Das Metallsieb der French Press lässt feine Partikel durch, das gibt mehr Körper, aber auch eine leichte Trübung und Staubigkeit. Wer es klarer mag, gießt zusätzlich durch einen Papierfilter.
Zur Haltbarkeit: Cold Brew gehört in den Kühlschrank. Trinkfertig ist er in der Regel zwei bis drei Tage gut, wenn sauber gearbeitet wurde. Ein Konzentrat kann je nach Methode auch fünf bis sieben Tage halten. Verlass dich am Ende auf Nase und Augen, nicht auf Wunschdenken.
Welcher Kaffee passt zu Cold Brew?
Grundsätzlich funktioniert Cold Brew mit fast jedem Kaffee, aber nicht jeder Kaffee zeigt sich von seiner besten Seite. Mittlere Röstungen mit Noten von Schokolade, Nuss und Karamell kommen kalt sehr rund heraus. Sehr helle, fruchtige Filterkaffees entfalten ihr Potenzial dagegen oft besser im Flash Brew. Ein guter, unkomplizierter Einstieg ist unser Amigo Filterkaffee, der weich und ausgewogen schmeckt.
Schokolade und Karamell, dazu eine angenehme frische Säure, die sehr gut mit der Süße des Kaffees balanciert. Mittlerer bis hoher Körper mit lang anhaltendem Nachgeschmack nach Karamell.
Häufige Fehler
Zu fein gemahlen. Der häufigste Fehler. Über Stunden überextrahiert feines Pulver, der Cold Brew wird bitter und trüb und lässt sich kaum noch abfiltern. Also grob mahlen.
Zu wenig Kaffee. Weil Immersion ineffizient extrahiert, schmeckt zu dünn angesetzter Cold Brew wässrig. Lieber etwas mehr Kaffee und am Ende verdünnen.
Zu lange gezogen. Mehr als 24 Stunden bringen kaum Gewinn, dafür mehr Bitterkeit. Im genannten Fenster bleiben.
Falscher Kaffee für den Zweck. Den teuren, hellen Lieblingskaffee kalt zu extrahieren kann Verschwendung sein. Für komplexe Kaffees lohnt der Blick auf Flash Brew.

Zwölf Cold-Brew-Rezepte von Kaffeeprofis
Eine gute Cold-Brew-Basis schmeckt schon pur. Sie ist aber auch die perfekte Grundlage für Sommergetränke und Cocktails. Wir haben zwölf Profis aus dem deutschsprachigen Raum nach ihren Lieblingsrezepten gefragt: Baristameisterinnen, Brewers-Cup-Champions und Cup-Tasting-Meister. Ein Highlight zum Reinschmecken kommt von Weltmeisterin Emi Fukahori.
Emi brüht in großem Maßstab: 500 g grob gemahlenen Kaffee auf 5 L kaltes Wasser mit einer Härte um 80 ppm. Alles in einen Tank oder Eimer geben und 20 Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Anschließend durch einen gröberen Vorfilter und dann durch V60-Filterpapier gießen, bis wirklich alle festen Partikel entfernt sind. Serviert wird auf Eis, wahlweise ein schokoladiger Pulp Natural aus Brasilien, ein fruchtiger Natural oder ein floraler, gewaschener Kaffee. Emi Fukahori ist Brewers-Cup-Weltmeisterin und Gründerin des Cafés Mame in Zürich.
Von Negroni über Tonic bis Mojito: Die vollständige Sammlung mit zwölf Profi-Rezepten von Baristameistern und Champions findest du in unserem Artikel Cold Brew Rezepte: 12 Cocktails & Drinks von Profis. Alle bauen auf der Basis auf, die du oben gebrüht hast.
Fazit
Cold Brew ist einfacher, als das Marketing glauben macht, und ehrlicher, wenn man die Mythen beiseitelässt. Weniger sauer ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung, mehr Koffein eine Frage des Verhältnisses. Was zählt, sind vier Parameter: grob mahlen, sauber ansetzen, im Zeitfenster bleiben und den richtigen Kaffee wählen. Wer einen hellen, komplexen Spezialitätenkaffee hat, sollte Flash Brew probieren. Für alles Schokoladig-Runde ist Cold Brew ein Sommer-Selbstläufer. Den passenden Kaffee findest du in unserem Filterkaffee-Sortiment, und wenn die Basis sitzt, geht es weiter mit den zwölf Rezepten.
















