Die Varia VS4 war eine der am meisten erwarteten Mühlen der letzten Monate. Als wir sie auf einer Kaffeemesse zum ersten Mal in der Hand hatten, haben wir sie abgefeiert. Jetzt liegt der ausführliche Test hinter uns: fast ein halbes Jahr haben wir uns Zeit genommen, um gleich zwei Varia VS4s komplett durchzutesten. Wir wollten keine Fehler machen und unsere Erkenntnisse an einer zweiten Mühle bestätigen. 499 US-Dollar kostet sie direkt im Varia-Online-Shop, hierzulande liegt sie knapp unter 500 Euro, von der Größe her zwischen der kleineren VS3 und der größeren VS6. Ein 53-mm-Kegelmahlwerk, ein Brushless-Motor und mal wieder eine waschechte Single-Dosing-Mühle. Die Frage, die wir über Monate verfolgt haben: Hält die VS4, was der Hype verspricht, und was ist mit ihrer Partikelverteilung los?
Aluminiumblock mit zwei echten Innovationen
Die VS4 steht als kompakter Aluminiumblock auf der Theke, gut 5 Kilo schwer, knapp 10 cm breit, 33 cm hoch, 16 cm tief. Sie wirkt wertig und steht satt auf dem Testtisch. Im Lieferumfang liegt jetzt ein 58-mm-Dosierbecher, bei der VS3 war das noch ein kleiner Becher, mit dem niemand richtig glücklich wurde. Der neue Becher ist hochwertig, hat aber eine Eigenheit: Lässt man ihn beim Mahlen aufgesetzt, sinkt er ab, und sein Rand schiebt sich in den Siebträger. Wir sind keine Freunde von einem Rand, der in den Siebträger ragt. In der Praxis hatten wir trotzdem kaum Channeling am Rand, weil dieser Rand sehr schmal ausfällt. Wer zusätzlich mit einem Nadeltool (WDT) verteilt, hat das Thema komplett vom Tisch.
Zwei Dinge an der VS4 begeistern uns wirklich. Das erste ist die Mahlgradverstellung. Sie ist nun vom Körper der Mühle entkoppelt und, noch wichtiger, vom Blasebalg. Bei der VS6 war die Verstellung fein und präzise, aber beim Blasen mit dem Blasebalg hat man den Mahlgrad oft versehentlich mitverstellt. Genau das passiert hier nicht mehr, weil kein Druck mehr direkt auf den Verstellring kommt. Dazu eine Skala, deren Anzeigelinie präzise auf die jeweilige Linie zeigt. Eine Linie entspricht ungefähr ein bis anderthalb, im schlechtesten Fall zwei Sekunden Extraktionszeit. Feiner geht es im Heimbereich kaum.
Die zweite große Stärke der Konstruktion ist, dass sich die Mühle mit nur einer Hand öffnen und reinigen lässt. Man nimmt die Mahlkammer in wenigen Sekunden heraus, pinselt sie aus, setzt sie wieder ein, fertig. Über Mühlenreiniger müssen wir bei dieser Mühle nicht mehr diskutieren, den braucht ihr hier nicht. Warum diese Möglichkeit, die Mühle so schnell zu öffnen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist, kommt eher unfreiwillig beim Thema Totraum erneut zur Sprache.

Das Mahlwerk: 53 mm Kegel, langsame Drehzahl
Im Inneren arbeitet ein 53-mm-Kegelmahlwerk, angetrieben von einem 200-Watt-Brushless-Motor mit Planetengetriebe. Die Drehzahl stellt ihr über einen Regler an der Seite zwischen 150 und 300 U/min in 50er-Schritten ein, das ist für eine Espressomühle bewusst langsam gewählt. Die Mahlgradverstellung läuft stufenlos über ein internes Gewinde mit 10-Mikrometer-Auflösung. Gegen statische Aufladung ist eine aktive Ionisierung eingebaut, eine RDT-Sprühflasche liegt trotzdem bei.
Schneller und angenehmer als die VS3
Hier hat Varia spürbar nachgelegt. Für 18 Gramm braucht die VS4 rund 13 Sekunden. Die VS3 lag bei etwa 30 Sekunden, also ungefähr das Doppelte. Morgens macht das einen Unterschied.
Bei der Lautstärke wird es interessant, weil die Zahl allein in die Irre führt. Wir messen rund 80 bis 81 Dezibel (genau: 81,5 dB bei 150 U/min, 82,5 dB bei 300 U/min). Die VS3 lag mit 73 Dezibel auf dem Papier deutlich niedriger, klang dabei aber schrill und aggressiv, ein hoher Ton über 30 Sekunden hinweg, irgendwo zwischen Biene und Kreissäge. Die VS4 brummt tiefer, eher wie eine schnelle Hummel, und klingt kraftvoll statt wie ein Motor im letzten Gefecht. Subjektiv ist sie damit angenehmer, obwohl das Messgerät mehr Dezibel anzeigt.
Die Temperatur des Mahlguts bleibt unkritisch. Beim ersten Gerät messen wir im Schnitt 26,9 °C, also nahe Raumtemperatur, das zweite lief mit 30,4 °C minimal wärmer. Beides liegt im grünen Bereich. Die Konstanz über die Portionen ist mit einer Standardabweichung von 0,08 Gramm sehr gut.
Totraum: der wunde Punkt
Bei der Retention, also dem Totraum, hadern wir. Bei einer Single-Dosing-Mühle wollen wir den Kaffee, den wir oben reingeben, unten wieder rausbekommen. Mehr als 0,7 Gramm temporären Totraum finden wir bei dieser Bauart schon viel. Die VS4 liegt bei rund 1,8 Gramm temporärem Totraum, dazu kommen etwa 0,2 Gramm permanenter Totraum, macht rund 2 Gramm absolut. Für eine Single-Dosing-Mühle ist das ein schlechter Wert.
Das überrascht erst einmal, denn Kegelmahlwerke haben meist wenig Totraum, weil am Kegel selbst kaum etwas hängen bleibt. Das Problem sitzt woanders: nämlich bei den Mitnehmern, die unter dem Kegel ihre Runden drehen. Dort bleibt Kaffee kleben, bricht ab, fällt mit der nächsten Mahlung wieder mit. Wir haben das nachgemessen, wie bei jeder Mühle: eine Mahlung, wiegen, leersaugen, ausputzen, und das fünfmal hintereinander. Nach der ersten Mahlung mit sauberer Mahlkammer blieben jedes Mal mehr als 0,4 bis 0,8 Gramm hängen.
Die Tücke liegt im Aufbau. Je mehr permanenter Totraum sich in den Mitnehmern festsetzt, desto mehr frischen Kaffee hält er beim nächsten Mal zurück, und desto größer wird auch der temporäre Anteil. Wer dieses Phänomen ignoriert, hat schnell deutlich über ein Gramm alten Kaffee in der Kammer, im dümmsten Fall mehrere Wochen alt, der sich ins frische Mahlgut mischt. Du kannst die Mühle aber schneller öffnen, als du Kaffee nachfüllst, und genau das entschärft den hohen Wert.
Die VS4 ist nur dann eine gute Single-Dosing-Mühle, wenn du sie regelmäßig öffnest und auspinselst. Das dauert keine Minute. Lässt du es schleifen, wächst der temporäre Totraum weiter, und der erste Espresso nach einer längeren Pause schmeckt flach.
Im reinen Durchsatz funktioniert das Single Dosing dabei solide: 18 Gramm rein, plus/minus 18 Gramm raus. Mal sind es 17,7 oder 17,8 Gramm, dann weißt du, dass gerade etwas mehr hängengeblieben ist und natürlich ein Teil des aktuellen Kaffees noch von der letzten Mahlung stammt. Der Kaffee wird also zuverlässig ausgetauscht, nur eben mit diesem Bodensatz, der mitwandert.
Bedienung und Mahlgradreplizierbarkeit
Die Bedienung ist sehr gut. Rechts der RPM-Regler, einschalten, die Mühle mahlt, bis ihr stoppt.
Die Mahlgradreplizierbarkeit macht richtig Spaß. Wir haben von Espresso auf Ristretto, dann auf Lungo und zurück auf Espresso verstellt, und die VS4 findet ihren Ausgangspunkt sauber wieder. Die Peakbreite kommt mit 279,4 zu 277,1 Mikrometern praktisch deckungsgleich zurück. Zusammen mit der feinen, entkoppelten Verstellung gehört das zu den echten Stärken dieser Mühle.
Partikelverteilung: eine Geschichte in zwei Messungen
Hier wird es spannend, und leider ist das Ergebnis nicht für alle positiv. Anfang des Jahres haben wir das erste Gerät gemessen und eine sehr breite Partikelverteilung erhalten, mit einem Hauptpeak von 308 bzw. 316 Mikrometern. Das war deutlich höher, als wir erwartet hatten. Wir entschieden uns also, eine zweite Messung vorzunehmen und ein weiteres Modell der VS4 zu bestellen.
Die zweite Messung zeigt eine solide Partikelverteilung. Bei der niedrigsten Drehzahl liegt der Hauptpeak bei 279 Mikrometern, der Median (x50) bei rund 254. Bei 300 U/min steigt der Hauptpeak auf 299. Damit ist die VS4 immer noch eher auf der breiteren Seite, aber mit niedriger Drehzahl etwas weiter weg von Werten, die wir sensorisch als unbalanciert und bisweilen verzettelt beschreiben. Ein klassischer, guter Wert, den wir vom Markt lange kennen. Klarheits-Mühlen für helle Spezialitätenkaffees liegen eher bei unter 240, die besten bei 160 bis 170 Mikrometern. Das ist ein anderes Mahlgradprofil als jenes, welches die VS4 liefert.
Der Feinanteil ist mit rund 36 Prozent relativ hoch. Das bringt eine gewisse Staubigkeit mit, unterstützt aber auch den Körper. In Summe ist das eine Verteilung, die mit der VS3 verwandt ist. Beide Mühlen arbeiten mit einem Kegelmahlwerk, und beide zeigen ihre Stärke bei körperreichen, klassischen Kaffees. Für fruchtige Kaffees, die ihr auf maximale Klarheit brühen wollt, sind sie die falsche Wahl, und wir würden in der Varia-Familie zur VS6 greifen.
Bleibt bei 150 U/min. Der Kaffee wird balancierter, der Hauptpeak schmaler, der Feinanteil niedriger. Für 300 U/min gibt es kaum ein Argument, außer ihr wollt ein paar Sekunden schneller mahlen und nehmt den Qualitätskompromiss bewusst in Kauf.
In der Tasse
Verkostet haben wir blind mit unserem Referenzkaffee, im Video zusätzlich mit unserem Compadre, einem Espresso im italienischen Stil mit Fokus auf Körper. Genau das liefert die VS4: einen dichten, cremigen Espresso, der schwer im Mund liegt und die Tasse ausfüllt. Etwas staubig, ja, aber stimmig zu dieser Art Kaffee, der genau so fett in der Tasse sein will. Bei klassischen und mittleren Röstungen fühlt sich die Mühle zu Hause. Bei hellen, sehr komplexen Kaffees ist das Ergebnis zufriedenstellend, aber nicht ihr Spezialgebiet.
Fazit
Die Varia VS4 ist eine sehr gute Mühle für klare Einsatzzwecke, und sie macht im Alltag Spaß. Die Mahlgradverstellung und die einfache Öffnung sind echte Innovationen, Bedienung und Replizierbarkeit gehören zum Besten in dieser Klasse, und sie ist deutlich schneller und angenehmer als die VS3. Für rund 500 Euro bekommt ihr viel Mühle und auch Qualität.
Der Haken ist der Totraum. Mit rund 2 Gramm absolut ist er für eine Single-Dosing-Mühle zu hoch, und er baut sich auf, wenn man ihn ignoriert. Dass man die Mühle in Sekunden öffnen und auspinseln kann, entschärft das, hebt es aber nicht auf: Diese Mühle muss man regelmäßig reinigen wollen.
Für wen ist sie gemacht? Für alle, die soliden, körperbetonten Espresso aus klassischen bis mittleren Röstungen ziehen und bereit sind, sie regelmäßig zu reinigen. Wer zwischen ein, zwei mittleren oder dunkleren Röstungen wechselt, ist hier goldrichtig. Weniger passt sie, wenn ihr sehr häufig die Bohne wechselt und dabei viele helle, komplexe Spezialitätenkaffees auf maximale Klarheit brühen wollt. Dann arbeiten der hohe Totraum und die eher breite Verteilung gegen euch, und ihr seid mit der größeren VS6 oder einer klarheitsorientierten Mühle besser bedient.
Wie immer haben wir die Mühle selbst beschafft und unabhängig getestet.
Testergebnisse: Varia VS4
| Preis | 499 USD (Varia Online-Shop), knapp unter 500 Euro |
|---|---|
| Scheibengröße | 53 mm |
| Scheibentyp | Kegel (Conical), Edelstahl |
| Betriebsmodus | Single Dosing |
| Mahlgeschwindigkeit | 13 Sek. für 18 g (Gerät 2: 12 Sek.) |
| Lautstärke | 81,5 dB (150 U/min) / 82,5 dB (300 U/min) |
| Mahltemperatur | 26,9 °C (Gerät 1) / 30,4 °C (Gerät 2) |
| Totraum absolut | ~2 g (davon ~1,8 g temporär, ~0,2 g permanent) |
| Single-Dosing-Abweichung | ~1,8 g (Retention) |
| Konstanz (Std.abw.) | 0,08 g (Gerät 1) / 0,05 g (Gerät 2) |
| x50 (Espresso) | 254 µm (150 U/min) / 235 µm (300 U/min) |
| Hauptpeak (Peakbreite) | 279 µm (150 U/min) / 299 µm (300 U/min) |
| Feinanteil Qf <100 µm | rund 36 % (150 U/min) / rund 39 % (300 U/min) |
| RPM-Regelung | Ja, 150–300 U/min in 50er-Schritten |
| Motor | 200 W Brushless mit Planetengetriebe |
| Gewicht | gut 5 kg |
| Maße (B × H × T) | ~10 × 33 × 16 cm |
| Besonderheiten | werkzeuglos zu öffnende Mahlkammer, entkoppelte Mahlgradverstellung, aktive Ionisierung, stufenlose 10-µm-Verstellung |
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